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Seid gegrüsst
 

Nein, diesen Kelch lass' ich unter gar keinen Umständen an mir vorübergehen! Diesen von Rolf Winter lancierten Steilpass «hey, willst du eine eigene Kolumne auf bluesnews.ch?» will ich gerne übernehmen. Klingt alles sehr verlockend: Blues. Schreiben. Fehlende Zensur. Die Ehre, den Kompetenten spielen zu dürfen. Wow! Lass uns zum Torschuss ansetzen. Natürlich ohne Garantie auf einen Volltreffer (ich denke, das sind wir uns vom CH-Fussball ja ohnehin gewohnt...).Schwer lastet der Erwartungsdruck auf meinen Schultern. Blues-Freaks sind alles, nur keine Idioten. Die lassen sich von geschickten Wortspielereien und provokativen Statements vielleicht eine Zeit lang unterhalten, nicken womöglich sogar anerkennend-väterlich, wenn der Koechli mit effektvoll inszeniertem Insider-Wissen zur Geschichte und zu Spieltechniken des Blues um sich wirft. Aber echt berühren lassen die sich nur, wenn etwas wirklich Substanz und Seele hat! Ich bin vorgewarnt und weiss, es gibt nur 3 Möglichkeiten: Über kurz oder lang werden die mich entweder lieben, hassen oder – noch fieser – völlig ignorieren. Aber ich liebe nunmal das Risiko, und weiss schliesslich auch bei einem Gitarren-Solo nie, wo es mich hinführt ...

Bevor ich loslege: Seid Euch gewiss, dass ich meiner geschwätzigen Kolumne immerhin das anständige Korsett einiger «ethischer» Richtlinien verpasse, wenn ich hier hoch und heilig verspreche:

a) Zweck dieser Kolumne ist, die Liebe zum Blues mit Euch zu teilen, im Extremfall gar zu vermehren.
b) Bei aller Lust auf Satire und provokatives in-Frage-stellen will ich niemals diffamierend schreiben und werde – zumindest bei CH-Künstlern – im Zusammenhang mit kritischen Äusserungen aus Prinzip keine Namen nennen.
c) Die Kolumne soll nach Möglichkeit kein versteckter Koechli-Werbespot werden; ich möchte als Musiker nur nach meinen Tönen und Songs bewertet werden, nicht nach schlauen Worten.

OK, dann lasst uns loslegen. Ich werde im weitesten Sinne ungefähr in der Form eines «literarischen Essays» schreiben, meine Gedankengänge völlig subjektiv in die Runde werfen, dabei immer wieder abschweifen und nicht selten auch den völligen Widerspruch meiner These aufzeigen. Daran müsst Ihr Euch gewöhnen. Ich glaube nicht an die eine Wahrheit und sehe meistens gleichzeitig verschiedene Seiten der Medaille. Eine definierte, unfehlbare eigene «Identität» ... - das würde mir gerade noch fehlen. Gott bewahre! Ich hätte ja sonst Politiker oder Wirtschaftsführer werden können, und würde mir jetzt vielleicht als Teilnehmer solch albernen TV-Shows wie der «Arena» Befriedigung verschaffen. Gott bewahre! In der «Arena» verlässt jeder die Sendung als Gewinner, weil er keinen Zentimeter von seiner Meinung abgerückt ist und so sicher wie nie zuvor weiss: «Verlierer sollen die andern sein!». Zum Glück gibt's daneben auch das richtige Leben. Im richtigen Leben sind wir alle Verlierer, weil wir nichts wissen, weil auf jede Antwort 10 neue Fragen folgen, weil wir jeden Tag ungebremst auf den grossen Schlussknall zusteuern. Auf unseren Tod. Eigentlich höchst unangenehm ... (Ihr seht, ich kann auch untertreiben). Wenn da nicht - neben der Liebe natürlich - die Kunst wäre, die Musik, der «Blues» eben! Oder mit den Worten von Blues-Max: «Blues ist nicht die Antwort, aber er lässt die Fragen vergessen.»

Also, worüber werde ich heute, am 5. Februar 2011, schreiben ? Well, wenn der Blues schon nicht die Antwort ist, will ich gleich mit einer Frage beginnen. Manchmal sind heikle Fragen bereits die Antwort.
 

Echter Blues made in Switzerland ?

Eigentlich ein echter Affront, diese Frage. Ich weiss. Wäre ich meiner Antwort nicht sicher («wo beginnt und wo endet denn die Schweiz...?»), und würde ich nicht seit Jahren mit einem raffinierten Kunstgriff mich selber gar nicht als Blues-Musiker, sondern als «Roots-Musiker» bezeichnen – ich hätte wohl kaum den Mut zu dieser provokativen Frage. Ich wäre gefangen in einem Interessenskonflikt. Aber was der Berlusconi im Umgang mit solchen Konflikten kann, das kann ich schon lange. Mit der Immunität eben dieses Roots-Musikers verkünde ich nun also froh und laut: JA! Und natürlich werden jetzt alle im Chor ebenso froh und selbstbewusst – und vocaltechnisch vielleicht sogar noch schöner ? – dasselbe «Ja» herausposaunen. Friede-Freude-Eierkuchen also. Halt, so leicht kommt Ihr mir nicht davon! Womit niemand gerechnet hat: Ich besitze gewisse feinstofflich-sensitive Fähigkeiten, im ordinären Jargon heisst das «Hellseher». Natürlich gibt's da eine ordentlich grosse Dunkelziffer an Scharlatanen, und es spricht einiges dafür, dass der Koechli dazu gehört. Aber trotzdem: Ich glaube zu spüren, dass in unserem Land dieses JA keinesfalls wirklich inkarniert ist; dass es zwar gut gemeint (Höflichkeit ist immer gut gemeint), aber eben nicht wirklich «echt» daher kommt.
 
«Jetzt wird er frech! Das muss er uns erklären!» Recht habt Ihr. Das werde ich tun. Und weil es im Grunde ein verdammt ernstes Thema ist, will ich dabei ab sofort sogar auf die - hoffentlich wenigstens unterhaltende ? - Kunstsprache verzichten. Kein Geschwätz mehr also, nur noch Facts:
 
Dass wir im Ausland nicht gerade als «Blues-Nation» wahrgenommen werden, ist das eine. Man kann es verstehen. Die Klischees, die wir in die Welt hinaus strahlen, sind einfach zu übermächtig: Die Banken, die Schokolade, die heile Bergwelt, der saubere Glanz, die unglaublich tiefe Arbeitslosigkeit, die höchstentwickelte Demokratie und – spätestens jetzt wird's märchenhaft! – eine Staatsrechnung, die in Zeiten der weltweiten Krise Milliardengewinne ausweist. Ich bin kein Weltenbummler, halte mich aber immerhin relativ oft in Frankreich auf und spüre, wie die uns z.B. wahrnehmen. Ich kann Euch versichern: die lieben uns! Sie finden uns furchtbar nett, höflich und zudem «vachement» schlau (Stichwort EU ...). Kurz: sie bewundern uns und stellen sich unter dem Begriff «Paradis» fast ausschliesslich helvetische Verhältnisse vor (mal abgesehen vom Wetter...). Auf «le Blues en Suisse» angesprochen, kennen und schätzen sie sogar mehrere unserer grösseren Blues-Festivals. Doch wenn man weiter bohrt mit «... parlons des Bluesmen en Suisse!» - so kommt ein verlegenes Lächeln. Mit sehr viel Glück kennt ein absoluter Insider vielleicht Philipp Fankhauser, danach ist allerspätestens Schluss. Das sind die Fakten, und in andern Ländern sieht das ähnlich aus, in Europa wie in den USA. Die Amerikaner sind vielleicht etwas höflicher, fühlen sich «geehrt», dass wir ihre Musik spielen und zeigen zuweilen erstaunlichen Respekt (vor allem dann, wenn ihre Musiker, Studios und Produzenten mit Aufträgen aus der Schweiz Geld verdienen können ...). Aber dass die Schweiz ein fruchtbarer Boden für echten Weltklasse-Blues sein könnte, scheint – erstrecht hinter vorgehaltener Hand – schlicht unvorstellbar. Im Paradis kann doch kein Blues entstehen! Der muss aus der Hölle kommen. Die grösste Auszeichnung, die ein CH-Blueser kriegen kann, ist die Anerkennung, wenn er es schafft, mit einem echten Blueser aus der echten Hölle für einen Moment auf der Bühne oder vor den Studio-Mikrofonen zu stehen. Wenn er das schafft, kann seine Karriere einen gewissen internationalen Schwung erhalten, wenn auch begrenzt.
 
Soweit die Sicht aus dem Ausland. Wir können sie als ungerecht empfinden, doch das ändert nichts. Alles was uns bleibt ist, vor der eigenen Tür zu wischen. Dieses Wischen könnte für den Musiker z.B. bedeuten, noch härter zu arbeiten, sich noch intensiver mit den Roots dieser Musik zu befassen, noch mehr den Kontakt zu den echten internationalen Stars zu suchen, um von ihnen zu lernen. Doch es ist nicht das, was ich meine (obwohl ich naturgemäss nichts dagegen habe, wenn meine Bücher gekauft werden ...). Das Problem liegt tiefer. Die Wurzel des Übels liegt darin, dass wir selber gar nicht recht an unsere Strahlungskraft als echte Blueser glauben. Irgendwie scheinen wir selber von all diesen Klischee-Vorstellungen infiziert zu sein. Rein intellektuell können wir sie zwar als Klischees durchschauen, aber es ist sehr schwer, uns von ihnen auf einer subtilen Ebene nicht doch lähmen zu lassen. Es scheint fast so, als ob wir uns ein wenig dafür schämten, aus dem Paradis heraus diese Teufelsmusik spielen zu wollen. Das passiert unausgesprochen und unsichtbar, im Kopf und im Herzen. Doch es ist letztlich der Grund dafür, wie wir auf dieser Welt wahrgenommen werden, denn die Strahlung muss von uns kommen. Natürlich kämpfen auch Künstler/innen anderer Nationen mit denselben inneren Zweifeln. Sogar im Heimatland USA, wenn Bonnie Raitt z.B. selbstkritisch sinniert «Blues bedeutet Schmerz; und es mag sein, dass wir uns, göttlich dekadent, das ausborgen, weil die Probleme der weissen Mittelklasse nur läppisches Oberflächengeplätscher sind.» Natürlich kann ein solcher Zweifel auch zu wahrer Demut verhelfen, und wenn wir Bonnie zuhören, zweifeln wir keinen Moment daran, dass aus dieser Haltung heraus wirklich grossartiger Blues entsteht. Über das Thema «Demut» werden wir denn auch gerne später diskutieren (es soll ja noch Stoff für weitere Kolumnen bleiben ...). Hier möchte ich jedoch über den lebensnotwendigen Gegenpol zur Demut sprechen; über den inneren Stolz und die eigene Würde.
 
«Genau! Der Ball liegt bei den Blues-Musikern, die müssen erstmal selbstbewusst und echt werden!» - sehe ich die versammelten CH-Medienleute und Blues-Konsumenten zustimmend nicken. Meine Damen und Herren, mit Verlaub, so einfach kommt Ihr nicht davon! Ihr wisst genau so gut wie ich, dass wir ein gleichberechtigtes Quartett sind: Künstler – Publikum – Journalisten – Veranstalter. Künstler sind sensible Wesen (Blueser vielleicht sogar noch sensibler...?). Der Weg zum echten Selbstbewusstsein ist beschwerlich und lang. Wir sind keine Politiker oder Wirtschaftsführer, unser Auftreten lässt sich nicht in Rhetorik-Kursen erlernen. Auf unseren Bühnen sind wir nackt und völlig angreifbar. Das Vertrauen, dies aushalten zu können, kann nur selten von uns alleine kommen. «Kunst ist Kindheit nämlich» (Rainer Maria Rilke). Kinder sind verletzlich und können nur in einem konstruktiven Umfeld gedeihen. Das Publikum und die Medien der eigenen Region und des Heimatlandes verkörpern gewissermassen diese «schützende» Familie für den aufstrebenden Künstler.
 
«Was soll dieses Gejammer? Wenn ein Schweizer wirklich gut ist, dann kriegt er von uns auch gute Noten und das Ticket für die grossen Bühnen!» Mag sein. Künstlich aufpäppeln macht natürlich keinen Sinn; das Leben ist keine geschützte Werkstatt. Aber machen wir uns doch den Spass und analysieren ganz kurz die Karrieren einiger der erfolgreichsten und legendärsten CH-Blueser, bzw. die Art, wie sie medial im eigenen Land präsentiert werden:

Philipp Fankhauser: war in Amerika, tourte mit Johnny Copeland, spielte mit der Crème de la Crème der US-Szene, lässt seine Alben von Dennis Walker (Robert Cray, John Campbell, B.B. King u.v.a.) produzieren.

Wale Liniger: Verliess vor bald 30 Jahren die Schweiz, fand sein Zuhause in den Südstaaten, arbeitet dort als Blues-Professor an der Uni, begegnete den «tatsächlichen Bluesmen und Blueswomen» und lernte von ihnen, was wahrer Mississippi-Blues bedeutet.

Chris Lange: spielte schon in den 1960ern auf der Bühne mit US-Grössen Champion Jack Dupree, Eddie Boyd, Curtis Jones, Junior Wells, Willie Mabon oder Sonny Rhodes, jamte hinter der Bühne mit Howlin' Wolf, Memphis Slim usw.

Paul Camilleri: war in England, spielte dort Alben ein, die von Francis Rossi oder Popa Chubby produziert wurden; Supporting Act für Status Quo, John Mayall, Popa Chubby, Eric Burdon usw.

Lazy Poker Blues Band: war in Amerika, spielte in Chicago mit zahlreichen Blues-Grössen Alben ein, Supporting Act für Joe Cocker, B.B. King usw.

Andy Egert: tourte mit der Chicago-Legende Bob Stroger, stand auf der Bühne mit Johnny Winter, Stan Webb`s Chicken Shack, Bernard Allison, Steve Marriott, Eroll Dixon, Canned Heat, Sugar Blue usw.

Hank Shizzoe: war in Amerika, spielte mit Ali Farka Touré, Sonny Landreth, David Lindley, The Nits, Supporting Act für ZZ Top, Bo Diddley, Flaco Jimenez, Charlie Musselwhite usw.

«Wo liegt das Problem? Ist doch alles höchst erfreulich!» Selbstverständlich. An der Qualität dieser Künstler zweifle ich keinen Moment; wie könnte ich ?? Und ebenso wenig an der Tatsache, dass der Kontakt mit Musikergrössen aus dem Ausland bereichernd und läuternd ist. Trotzdem, wer genauer hinschaut, kann eines nicht übersehen: Bei den Medien, Veranstaltern und letztlich natürlich auch beim Publikum geniessen in erster Linie jene Künstler hohes Ansehen, die in ihrer Biografie mit « ... war in Amerika, hat mit diesem oder jenem Star gespielt, lässt seine Musik von diesem oder jenem Crack produzieren» auftrumpfen können. In gewisser Weise ist das verständlich und entspricht den üblichen Marketing-Gesetzen. Aber auf einer subtilen Ebene ist es gefährlich, denn es entsteht dadurch die Kultur einer gewissen «Unterwürfigkeit», eines gefühlten Minderwerts. Den aufstrebenden Künstlern und dem Publikum wird (ungewollt!) einsuggeriert, dass ein Schweizer Musiker für sich alleine nicht genügen kann, dass aus dem Paradis 'Schweiz' aus Prinzip kein wirklich echter Blues entstehen kann. Nur wenn der kleine Schweizer von den richtigen Bluesern aus dem grossen Ausland Schulterklopfen oder Nachhilfe-Unterricht kriegt, fällt der helvetische Groschen. 

Natürlich muss ich übertreiben, das liegt im Wesen der Provokation. Aber es ist schon was dran, das müsst Ihr zugeben. Philipp Fankhauser meint schliesslich persönlich: «Vorher (vor dem USA-Trip) hat das hier in der CH kaum ein Schwein interessiert – und jetzt plötzlich geht die Post ab..., ich kann es kaum verstehen!» Was passiert denn, wenn eine Blues-Combo, aus welchen Gründen immer, vorwiegend in der Heimat bleibt und zudem auch Songs in Mundart vorträgt, wie z.B. die legendären «Bluesaholics»? Well, sie werden von renommierten Journalisten wie Bänz Friedli (damals bei FACTS) mit «Peinlich! Biedere musikalische Hausmannskost!» in den Boden gestampft. Oder wenn z.B. Blues-Max seit 30 Jahren seine wunderbaren Geschichten und Songs mit Erfolg, aber ausschliesslich in der D-Schweiz präsentiert? Well, dann ist das eben nicht Blues, sondern «Comedy», «Liedermacher» oder was immer (als ob alle Blueser dieser Welt nicht schon immer Geschichten erzählt und Lieder gemacht hätten ...). Oder wie schätzt ein Samuel Mumenthaler die gegenwärtige helvetische Blues-Szene ein ?, wenn er kürzlich in der Berner Zeitung schreibt: «Fankhauser ist der einzige und vielleicht letzte Schweizer Blues-Mohikaner; die ohnehin ausgedünnte Konkurrenz hat längst die Segel gestrichen, sieht man von einigen rustikal aufspielenden Saitenartisten und den unvermeidlichen Blues-Brothers-Cover-Truppen ab.» Natürlich kann man über solch dicke Post lächeln, wenn sie von einer selbst ernannten Blues-Instanz stammt. Aber so ganz ungefährlich sind solche Sprüche eben doch nicht, weil sie mithelfen, den an sich – wie ich behaupte – fruchtbaren heimischen Blues-Boden zu vergiften und Konsumenten wie Veranstalter negativ zu beeinflussen. Ganz abgesehen davon sind es womöglich die selben Journalisten, die in der rustikalen Art einer ziemlich blinden Kuh hilflos auf den billigen Trick reinfallen, wenn ein ehrgeiziger Popsänger und Etiketten-Schwindler für Marketing-Zwecke die geheimnisvolle Story des anonymen und maskierten Sängers namens «Blusbueb» in Umlauf bringt (im Grunde war ja alles nur ein Tipp-Fehler, denn richtig hätte es heissen sollen «Lusbueb»...).

Jetzt bin ich abgeschweift. Aber diffamierend war das noch nicht, gell? Bleiben wir beim fruchtbaren CH-Bluesboden. Da sind einige Würmer drin (und ich meine jetzt nicht die nützlichen...), welche diesem Boden Nährwert entziehen. Ich wünschte mir, dass hierzulande jeder Hansi Hugetobler, wenn er sich für das Genre «Blues» entscheidet, von Anfang an Respekt und faire Chancen erfährt; nicht weil er irgendwo im Ausland war und mit irgendwelchen Gurus gespielt hat, sondern weil er ganz einfach «er selbst» ist, vielleicht sogar mit seinem eigenen Namen auftritt, seine eigenen Geschichten erzählt, oder aber die alten Geschichten gut wiederkäut (das machen sie alle, auch die Grossen aus der richtigen Hölle). Ich rede hier übrigens in keiner Weise von einer «nationalen Identität». Gott bewahre! Ihr glaubt doch nicht im Ernst, ich sei ein von Blocher & Co gesandter Spitzel, mit dem Auftrag «Gopfredschtutz, do emol luege, ob 'd diä Bluus-Fritze da echli chasch übere näh of de rächt Wääg!» Gott bewahre. Nein! Nur wer keine eigene Identität hat, sucht übertriebenen Halt in einer nationalen Identität. Ich rede vom «wahren Selbst» (wow, klingt wahnsinnig cool, nicht?). Vom Stolz und der Würde, mit welcher ein Künstler auf der Bühne steht und ausstrahlt:
 
«Hier bin ich, nackt und verletzlich, mit ein wenig Talent, und mit meiner ureigenen Geschichte, auf die ich stolz bin! Ich gebe Euch alles, ich weiss, dass es nie genug ist, aber es ist trotzdem wertvoll, weil es von mir kommt!»
 
Wenn diese Art von Stolz hierzulande (vom ganzen Quartett...!) konsequent gefördert und nicht mit Arroganz verwechselt wird, so garantiere ich Euch, dass in 20 oder 30 Jahren – das braucht seine Zeit – eine neue selbstbewusste und international erfolgreiche helvetische Blues-Liga heranwachsen und die Segel auf Vollmast hissen wird. Samuel Mumenthaler und ich werden das vielleicht nicht mehr aktiv erleben, doch wen kümmert's?
 
Eines ist gewiss: Die grossen Stars von drüben, die wir so bewundern, sie müssen diese Lektion in der Regel nicht mehr lernen; weil sie in einem völlig selbstbewussten Umfeld diesen Stolz auf natürliche Art einatmen und lernen. Wenn wir schon danach lechzen, von ihnen zu lernen, dann würde ich zur Abwechslung auch mal hier ansetzen. Natürlich, warum nicht bei Gelegenheit in der Welt herumreisen, um die Cracks zu treffen. Völlig inspirierend und ratsam. Aber mit einem neuen und gereiften Sinn für menschliche Lernprozesse:
 
«Ich weiss, dass ich von jedem Musiker sprich Menschen auf diesem Planeten irgend etwas bestimmtes lernen kann. ABER (und jetzt kommt das unverschämte...) dieser Spuk funktioniert in beiden Richtungen, denn jeder Musiker sprich Mensch auf diesem Planeten kann genauso auch von mir etwas bestimmtes lernen!»

Stell Dir vor, Du trittst mit dieser Haltung vor eine der grossen Blues-Legenden! Deine Strahlungskraft wäre so hoch, dass sie Atom-Alarm auslösen würde ...
 
Well, es wird allerhöchste Zeit, dass ich für den Moment die Segel meiner Tastatur streiche. Mein Ziel, dass mindestens eine Person diese Kolumne ganz bis zum Ende liest, rückt sonst in immer weitere Ferne (ähh, jetzt sehe ich plötzlich alle zustimmend nicken...?).
 
«Was hat der berühmte Crossroad-Mythos von Robert Johnson mit eben diesem Stolz zu tun ??» Darüber werde ich in meiner nächsten Kolumne spekulieren. Keine Angst, tendenziell werden meine künftigen Plaudereien eher kürzer sein, und selbstverständlich sind da noch eine ganze Menge anderer Themen im Hinterkopf als bloss «Stolz» oder «Helvetica». Es wimmelt von grossartigen Mythen, Sagen und Geheimnissen rund um den Blues!
 
Und glaubt mir, es macht unglaublich Spass, mit stolzer Würde vor Euch zu treten und so zu tun, als könnte ich diese Geheimnisse lüften.
 
herzlich
Richard Koechli
P.S. vergesst nicht, den Hansi Hugetobler anständig zu supporten, sollte er Euch über den Weg kriechen.

Richard Koechli (Jahrgang 1962) ist Roots-Musiker, Komponist, Produzent und ausserdem erfolgreicher Sachbuch-Autor (mehr über ihn auf www.richardkoechli.ch).
Er lebt in der Schweiz und in Frankreich. Richard ist hier zu erreichen: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!

 
 

 

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