Jazz 'n' More
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Richard Koechli Parcours
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Groove Now
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Paradix
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Königin des Country Blues

Tanja Wirz ist Sängerin, Gitarristin und Journalistin. Sie spielt mit Rainer Wöffler im Duo The Red Hot Serenaders Blues und Jazz der 20er- und 30er-Jahre. 

Memphis Minnie gehörte in den 1930er- und 40er-Jahren zu den Erfolgreichsten  der Bluesszene. Dennoch ist die Gitarristin, Sängerin und Songwriterin heute nur  noch Insidern bekannt: Ein Geheimtipp! 

«Das musst Du spielen!» sagte meine Band-Kollegin zu mir und drückte mir eine Tonbandkassette in die Hand. Rund zwanzig Jahre ist das her. Unser Trio bestand aus ihr, einer tollen Sängerin, einem Bassisten und mir an Gitarre und Gesang, wir spielten an privaten Parties, auf der Strasse und in allerlei Kneipen und Bars. Auf dem Tonband war eine Reihe von Songs, die Rebecca in der Plattensammlung eines Onkels gefunden hatte, der offenbar das 60er-Jahre-Folkrevival intensiv miterlebt hatte. Sachen von Leadbelly und Josh White waren da drauf, Songs von den Weavers, und schliesslich Me and My Chauffeur Blues von Memphis Minnie: Ein freches Gitarrenriff, ein unwiderstehlicher Groove und eine starke Frauenstimme, die selbstbewusst nach einem Fahrer für ihr Auto verlangt – oder meinte Minnie etwa ganz andere «Aufwärmer»-Dienste? Umso besser! Der Song wurde einstudiert und ist seither stets gut angekommen beim Publikum, Memphis Minnie hingegen kannte keiner.

Eigentlich erstaunlich. Denn die am 3. Juni 1897 im Bundesstaat Mississippi geborene Gitarristin und Sängerin hat zwischen 1929 und 1953 rund 200 zumeist eigene Songs aufgenommen, die sich beim schwarzen Publikum bestens verkauften. Sie war der grösste Star des Plattenlabels Vocalion, hat vier Jahrzehnte lang ausschliesslich vom Musikmachen gelebt und war Vorbild für Sängerinnen wie Big Mama Thornton, Koko Taylor und Jo Ann Kelly. Zusammen mit Big Bill Broonzy, Tampa Red, Muddy Waters oder Jimmy Rodgers gehörte sie zu den big names der schwarzen Musikszene im Chicago der 30er und 40er-Jahre.

Dennoch ist sie heute fest vergessen. Warum? An ihren Aufnahmen kann es nicht liegen. Ihre Musik ist immer noch äusserst hörenswert, und in Sachen Gitarrenspiel und Gesang hielt Minnie locker mit den anderen Bluesern mit. Liegt es vielleicht daran, dass sie einfach zu unkonventionell war und nicht ins Klischee des „bluesman“ passte? Dies vermutet jedenfalls Del Ray 1995 in einem Artikel in einem amerikanischen Gitarrenmagazin: Minnie war kein tragischer junger Mann, der wie Robert Johnson melancholisch und angeblich vom Teufel besessen mit der Gitarre auf der Schulter durch die Welt zog, sondern eine mehrheitlich zufriedene, erfolgreiche Musikantin in den besten Jahren, die sich geschickt an den wandelnden Musikgeschmack anzupassen wusste. So was eignet sich schlecht als role model für aufstrebende Rock- und Folkmusiker auf Identitätssuche, also jene, die ab den 60er-Jahren den Blues weitertrugen.

Wer also war Memphis Minnie? Lange war ausser ihren Songs nur wenig über sie bekannt, denn sie hat das Folk Revival der 60er-Jahre nicht mehr mitgemacht, weil sie zu der Zeit bereits schwer krank war. Und da sich ihre Platten so gut verkauft hatten, war sie manchem Bluesforscher wie etwa Samuel Charters zu kommerziell, um als Blueserin richtig ernst genommen zu werden. Immerhin wählte Arhoolie-Gründer Chris Strachwitz 1964 für die erste Blues Classics-LP, einer Serie mit alten Shellack-Aufnahmen, ausgerechnet Memphis Minnie und bezeichnete sie in den Liner Notes als «eine der grössten weiblichen Bluessängerinnen».

1992 schliesslich erschien die Biografie von Beth und Paul Garon, die zahlreiche Bekannte von Minnie, eine Schwägerin und ihre jüngste Schwester interviewten. Minnie war die älteste Tochter einer fünfzehnköpfigen Sharecropper-Familie, die wie viele andere Schwarze in den amerikanischen Südstaaten als Bauern auf gepachtetem Land nur knapp überlebten und ständig umher zogen. Ihr eigentlicher Name war Lizzie Douglass, ein braves Lieschen mochte sie jedoch nicht sein: Sie verbat sich Lizzie zugunsten von «Kid», was wahlweise Göre oder Zicklein bedeuten kann. Nicht unpassend für eine, die ganz offensichtlich ihren eigenen Kopf hatte und wusste was sie wollte: Auf keinen Fall Baumwollpflückerin werden. Die Musik war ihr Fluchtweg.

Bereits als Kind spielte sie Banjo, mit elf bekam sie ihre erste Gitarre, und als Teenager war sie kaum noch zuhause anzutreffen, sondern musizierte lieber an der berühmt-berüchtigten Beale Street in Memphis. Später ging sie für einige Jahre mit dem Zirkus auf Tournee und perfektionierte ihr Handwerk als Entertainerin. Kein leichtes Leben für eine junge Frau! Doch es wird berichtet, dass sie sich zu behaupten wusste: Wenn ihr einer blöd kam, griff sie schon mal zur Waffe – sei es nun ein Messer oder die Gitarre. Manche scheint aber auch schon ihr bestimmtes Auftreten und ihr Talent im Kautabak-Zielspucken genügend beeindruckt zu haben. Und natürlich half es, dass sie eine versierte Gitarristin war: «She played like a man!» sagten einige ihrer Kollegen von ihr – gemeint als höchstmögliches Lob.

Kid Douglas, wie sie damals noch hiess, hatte soziales Geschick. Sie war keine Einzelgängerin, sondern stets mitten drin in der Musikszene. Über weite Strecken ihres Lebens spielte sie im Duo mit ihren wechselnden Lebensgefährten, die alle gute Gitarristen waren. Ein früher fester Duo-Partner war Willie Brown, der als Begleiter von Charley Patton bekannnt geworden ist. Manche meinen auch, Casey Bill Weldon sei eine Weile lang ihr Musik- und Bettgefährte gewesen, doch vermutlich ist dies nur ein Gerücht.

Auf den ersten Fotos, die von Minnie bekannt sind, ist sie mit Joe McCoy zu sehen, mit dem sie verheiratet war. Joe und sie wurden in einem Barbershop von einem Talentscout der Columbia entdeckt und 1929 für Aufnahmen nach New York eingeladen. Der erste Blues-Boom mit den Aufnahmen der Vaudeville-Bluesqueens war da gerade vorbei, mit der amerikanischen Wirtschaft ging es bergab, und es waren neue Formen von Blues gefragt – auch günstiger zu produzierende. Minnie und Joe gehörten zu jenen Country Bluesern, auf welche die Plattenfirmen in diesem Klima aufmerksam wurden.

In New York wurden dem Duo die Künstlernamen Memphis Minnie und Kansas Joe verpasst. «Minnie» war damals ein ziemlich trendiger Name - Minnie Mouse und Minnie the Moocher lassen grüssen -, und er gefiel Minnie so gut, dass sie sich fortan auch privat so nannte. Bei dieser ersten Aufnahme-Session sang Joe das grandiose When The Levee Breaks und Minnie die erste Version von Bumble Bee, dem Song der sie berühmt machte. Die Plattenfirma sah allerdings ursprünglich Joe als den potentiellen Star und brachte zunächst nur die von ihm gesungenen Stücke heraus, Bumble Bee blieb vorläufig unpubliziert. Ein zweite Version davon, bei einer anderen Plattenfirma aufgenommen, wurde dann aber derart erfolgreich, dass Columbia die erste Aufnahme doch noch herausbrachte.

Für Gitarristen (und natürlich Gitarristinnen!) sind die Stücke mit Joe McCoy sicher die interessantesten von Minnie. Beide waren tolle Fingerpicker und in ihren ausgefuchsten Duetten ergänzen sich ihre Gitarren aufs Schönste – und dies oft in einem so fetzigen Tempo, wie es damals kein anderes Duo konnte. Man höre sich diesbezüglich mal die Instrumentalnummer Let's Go To Town an! Minnie und Joe zogen schon bald nach Chicago, wo sie immer wieder neue Plattenaufnahmen machten. Die beiden gehörten zu den ersten, welche die damals neuen Metall- Resonatorgitarren von National spielten – teure Instrumente, die bezeugen, wie erfolgreich sie waren.

Allmählich wurde klar, dass Minnie der eigentliche Star des Duos war. Joe McCoy tat sich damit schwer, und um 1935 kam es zur Trennung. Eine Weile lang war Minnie mit wechselnden Bandmusikern unterwegs, und um 1939 hatte sie einen neuen Duo- und Lebenspartner gefunden: Ernest Lawlars, bekannt als «Little Son Joe», mit dem sie bis zu seinem Tod zusammen blieb. Auch er war ein guter Gitarrist. Als Sänger ist er allerdings nur einmal zu hören auf ihren gemeinsamen Aufnahmen, und zwar auf Black Rat Swing von 1941. Da mutierte Son Joe auf dem Plattenlabel kurzerhand zu «Mr. Memphis Minnie», denn vermutlich verkaufte sich ihr Name besser.

Es gehörte zu den Gründen ihres anhaltenden Erfolges, dass Minnie sich immer wieder an neue Entwicklungen anpasste – stärker als die meisten ihrer Kollegen. Mitte der 30er-Jahre begann Minnie, auch mit Bands aufzunehmen und ihr Gitarrenstil entwickelte sich vom ländlichen Country Blues-Picking weg. Sie gehörte zu den ersten, die E-Gitarre spielten und verwendete zunehmend modernere 4/4-Rhythmen, die besser zu den damals aktuellen Tänzen wie Jitterbug, Lindy und Boogie passten. Anders als es ihre Platten vermuten lassen, beschränkte sich Minnie live übrigens nicht auf Blues. Dies beweist eine von den Garons abgedruckte Konzert-Setliste, auf der sich auch Swing-Standards wie Exactly Like You oder Popsongs wie How High The Moon finden. Schade, dass es davon keine Aufnahmen gibt!

In der Neuauflage der Minnie-Biografie gibt es ausserdem nun zum ersten Mal den Beweis, dass der legendäre Blues-Wettbewerb zwischen Big Bill Broonzy und Memphis Minnie tatsächlich stattgefunden hat. Bisher war die einzige Quelle dazu Big Bill gewesen, der in seiner Autobiografie jedoch derart abenteuerliche Geschichten aufgetischt hatte, dass fraglich war, was davon wohl stimmt. Die Garons zeigen ein Inserat aus dem Chicago Defender, das zum Wettbewerb zwischen den beiden einlädt, der am 6. November 1949 im «708 Club» stattfand, mit Sunnyland Slim, Muddy Waters und Jimmy Rodgers als Jury. Siegerin war laut Big Bill Minnie. Vom Preis – je eine Flasche Gin und Whisky – schnappte sich der Unterlegene dann aber doch eine, um sie ganz alleine zu trinken. In dem Fall wohl eher Ulk als schlimme Rivalität: Big Bill und Minnie waren gut befreundet. Genau wie er übernahm Minnie in Chicago auch die Funktion der Mentorin für jüngere Bluesmusiker, davon berichten viele.

Ende der 50er-Jahre sank Minnie's Stern. Die Auftrittsmöglichkeiten wurden weniger und weniger, und schliesslich wurde Son Joe herzkrank und zum Pflegefall. Minnie ging es auch stetig schlechter, sie litt an Asthma, und das Paar zog schliesslich zurück in den Süden, wo Son 1961 starb. Zur selben Zeit erlitt Minnie eine Reihe von Schlaganfällen. Ihre jüngste Schwester Daisy nahm sie bei sich auf und pflegte sie bis zu ihrem Tod 1973.

Total vergessen ging sie nie, einige wenige Bluesfans wussten immer von ihr und haben auch versucht, ihr finanziell zu helfen, als sie im Alter verarmte. Leider waren nicht alle so grossherzig: Eine Reihe von berühmten Bands wie Led Zeppelin und Jefferson Airplane haben ihre Songs gecovert, ohne ihr dafür etwas zu bezahlen. Minnies Grabstein hat schliesslich Bonnie Raitt finanziert.

Gemessen am Einfluss, den Memphis Minnie auf die Entwicklung des Blues hatte, war sie bisher viel zu unbekannt. Vielleicht doch, weil sie als Frau aus dem Rahmen fiel? Denn wer sich Blueser nur als Männer vorstellen kann, wird die Frauen, die auch Blues spielen, übersehen. Dies könnte auch John Cowley passiert sein, der versuchte, ein altes Rätsel der Bluesgeschichte zu lösen: Unter dem Namen «Kid Bailey» hat das Label Brunswick 1929 in Memphis eine Platte aufgenommen, auf der die beiden grossartigen Gitarrenduette Rowdy Blues und Mississippi Bottom Blues zu hören sind, beide mit Gesang. Nur ein einziges Exemplar der Platte hat überlebt: ein heiliger Gral der Shellack-Enthusiasten!

Aber wer ist Kid Bailey? Keiner kennt ihn. Der Bluesforscher David Evans spielte die Aufnahme Son House vor, der sofort den Gesang seines Freundes Willie Brown erkannte. Warum aber der Name Kid Bailey? Und wer ist der zweite Gitarrist, der da zu hören ist? Man weiss, dass die Brüder Charlie und Joe McCoy und Memphis Minnie zum Zeitpunkt der Aufnahme vor Ort waren und somit in Frage kämen. Cowley hat 1988 Unterlagen der Plattenfirma entdeckt, in denen steht, wer die Songs geschrieben hat: Rowdy Blues stammt von Bob Jones und Mississippi Bottom Blues von Kid McCoy. Cowley schreibt, es sei also wohl Joe McCoy gewesen, obwohl dieser ja nie Kid genannt worden sei. Der Forscher übersah, wer tatsächlich mal Kid McCoy geheissen hat und so auch aufgetreten ist: niemand anderes als Memphis Minnie natürlich, die zudem bereits einige Jahre mit Willie Brown im Duo gespielt hatte und davor mit dem Ringling, Barnum & Bailey-Circus auf Tour gewesen war. Sicher werden wir es wohl nie wissen, aber es ist durchaus möglich, dass die beiden raffinierten Duette vom gut eingespielten Team Minnie und Willie stammen und unter einem erfundenen Namen erschienen, weil die beiden durch Verträge an andere Plattenfirmen gebunden waren.
  
Minnie zum Anhören
Viel Musik für wenig Geld: Zwei tolle Boxen mit je fünf CDs gibt es bei JSP: „Memphis Minnie. Queen of the Country Blues 1929-1937“ und „Queen of the Delta Blues“, insgesamt fast alles, was von Minnie je auf Platte erschienen ist. Einzig When The Levee Breaks fehlt seltsamerweise.

Songtexte von Mephis Minnie
 
Minnies Nachfolgerinnen
Wer sich für neue Versionen von Minnies Musik interessiert, sollte unbedingt Aufnahmen der ebenfalls viel zu unbekannten britischen Gitarristin und Sängerin Jo-Anne Kelly (1944-1990) anhören. Kelly hat viele Minnie-Songs gecovert, ein guter Einstieg ist die Doppel-CD Black Rat Swing von 2003.
2012 hat Maria Muldaur die Tribute-CDFirst Came Memphis Minnie herausgebracht, auf der u.a. auch Bonnie Raitt, Koko Taylor und Rory Block zu hören sind.
 
Zum Weiterlesen
Paul und Beth Garons Buch Woman With Guitar. Memphis Minnie's Blues ist soeben bei City Light Books in einer erweiterten Neuauflage erschienen. Für alle, die gut Englisch können: sehr lesenswert!
 
Spielen wie Minnie
Es gibt bisher kein ausschliesslich Minnie gewidmetes Notenbuch. Zwei der besten Songs gibt's in der Workshop-Serie «Rainer's Bluescafé» im Magazin Guitar: Nothing In Rambling (8/2008) und When The Levee Breaks (10/2006). Und fast noch ofenfrisch ist die 2014 bei Homespun erschienene Lehr-DVD The Blues Guitar Styles Of Memphis Minnie von Del Ray.

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