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Jazz 'n' More

Mit Hut, Charme und Gitarre

Leon Redbone ist wohl nur einem eingeschränkten Kreis von Musikfans bekannt, und das ist eigentlich schade, denn der Mann produziert musikalische Leckerbissen, die eine längst vergangene Zeit heraufbeschwören: die Blütezeit des Swing, als es noch keine Unterscheidung gab zwischen Jazz, Blues und Musical-Schlager. Redbone hat sich darauf spezialisiert, die grosse Ära des Grammophons am Leben zu erhalten mit museale gestalteten Auftritten, die aber auch heute noch fetzig sind – kein Wunder nach 40 Jahren Bühnenerfahrung. Man hört die Musik Woodie Guthries, Blind Blakes und Johnny Mercers Seite an Seite, und alles höchst stimmig.

Leon Redbone ist kein aufdringlicher Mensch, man muss ihn entdecken, wie es mir unlängst vergönnt war. Aber es ist eine Entdeckung, die sich auf jeden Fall lohnt. Da sehe ich mir neulich eine DVD an mit alten Folgen der legendären amerikanischen Comedy-Sendung Saturday Night Live und mache die schöne Entdeckung von Leon Redbone. Zur Erinnerung: diese Sendung war nicht nur die Vorlage für RTL Samstag Nacht, sie war auch die Geburtsstunde der Blues Brothers, wie auch der Solokarrieren von John Belushi, Danny Akroyd, Chevy Chase, Eddie Murphy und in jüngerer Zeit auch Chris Rock und Tina Fay.

Die einzelnen Sendungen wurden jeweils von einem Promi gehostet, vergleichbar der hierzulande sehr viel bekannteren Muppet Show. 1977 und 1983 hatte Leon Redbone die Ehre, und er gab bei der Gelegenheit auch fünf Stücke zum Besten, darunter When You Wish Upon A Star und I Ain't Got Nobody sowie Please Don't Talk About Me When I'm Gone. Alles Klassiker des oftmals «Great American Songbook» genannten Repertoires aus Ragtime, Blues und den Broadway Musicals, wie die Johnny Mercer oder Irving Berlin schrieben. Redbone trat auf mit tadellosem Anzug, auffälligem Schnauzbart, Panama- oder Strohhut und Sonnebrille. Und so tritt er anscheinend seit seinem Bühnendebut 1971 immer auf, zumindest liess sich kein Photo finden, auf dem er nicht dieselbe Kluft trüge. 

Leon Redbone wurde am 26. August 1949 auf Zypern als Dickran Gobalian geboren. Seine Vorfahren waren laut Wikipedia zyprische Türken (was natürlich damals noch etwas ganz anderes bedeutete, weil die Insel noch nicht geteilt war). Er wanderte via London 1964 nach Toronto aus und nahm dort die kanadische Staatsbürgerschaft an und nahm den neuen Namen an, Leon Redbone ist also kein reiner Künstlername. Ab 1971 trat er in lokalen Klubs auf und 1975 erschein sein erstes Album On the Track bei Warner Brothers. Redbone macht nur eine Art von Musik: Er spielt möglichst authentische Versionen der 78er-Schellack-Aufnahmen, die er in seiner Kindheit gehört haben muss, was sonst sollte ihn hierzu motiviert haben. Allerdings muss es bei einer Spekulation bleiben, denn Redbone hält sein Privatleben höchst geheim. Auch bei seinen wenigen Filmrollen spielt er stets sich selbst, also seine Bühnenfigur.

Seit 1975 hat er auf diese Weise insgesamt 15 Alben eingespielt (Diskographie), darunter zuletzt 2005 ein Livealbum, allerdings mit einem Konzert von 1992. Das jüngste Studioalbum stammt aus dem Jahr 2001. Aber seine Website zeigt noch immer einen ordentlich gefüllten Kalender, wenn er auch nicht mehr Gast ist bei der Johnny Carson Show, wie er das in den 1970er und 1980er Jahren oftmals war. Auf seinen Aufnahmen zelebriert er die Musik von Fats Waller, Jelly Roll Morton, Jimmie Rodgers oder Irving Berlin (dem «Yodeling Brakeman»), aber auch viele Songs, die keinen bekannten Urheber mehr haben, die aber von Blind Blake oder anderen Bluesgrössen gespielt wurden. Vielleicht als Hilfe zum Einordnen: seine Musik klingt mitunter wie die Begleitung der Stummfilm-Slapstick-Filme bei «Väter der Klamotte». Daneben hat er mit Christmas Island ein Weihnachtsalbum eingespielt, so was verkauft sich immer gut, und die Aufnahmen klingen auch wirklich toll.

Zu seinem konservatorischen-musealem Zweck setzt er neben seinem Gesang und seiner Gitarre ein, was immer passend scheint, sei es eine Tuba, ein Piano oder eine Hawaii-Gitarre. Er arbeitet immer mit kleinen Arrangements, und die Musik strahlt eine enorme Ruhe aus, denn sie wird mit der richtigen Gemütlichkeit inszeniert. Die Krönung aber bleibt sein Gesang. Leon Redbone singt, summt, jodelt, pfeift auch mal, bleibt dabei aber immer stimmig. Eigentlich ist er mit dieser Stimme dazu bestimmt, diese Musik zu beleben. Seine Stimme ist nicht kräftig, die ist aber warm und intim, sie hat eine Kratzigkeit, die von Lebenserfahrung Zeugnis ablegt und so wird sein Gesang nie gekünstelt. Die gepickte Gitarre ist auf allen Songs dabei, diese hat nicht die spektakuläre Picking-Technik eines Roy Book Binder, um einen nahen Verwandten anzuführen, aber die Gesamtstimmung ist eine ander. Wo Book Binder die Songs auf eine rein museale Weise aufführt, damit sie nicht vergessen werden, macht Leon Redbone den Eindruck, diese Musik lebe in ihm weiter. Wenn er Jimmie Rodgers T.B. Bluessingt, glaubt man, dass er weiss was Tuberkulose macht.

Trotzdem ist Redbone nicht einfach ein Country-Musiker wie Hank Williams, denn er bedient sich in jedem Bereich der Varieté-Tradition. Als Einstieg für Bluesfreunde bietet sich meiner Meinung das Album Champagne Charliean. Hier seien einige Links zu Auftritten gegeben, die bei Youtube zu bewundern sind, zumeist mit der Privatkamera gefilmt, weshalb der Ton nicht immer berauschend ist, aber als erster Eindruck mag es genügen. Dies ist sowieso Musik, die man immer wieder hören sollte, weil sie einfach eine gute Stimmung verbreitet. 

ist bekannt als fetziger Swing von Sammy Davis Jr. und Louis Prima. (Refrain: «IIIIIIIII Ain’t Got nobooooody»). Leon Redbone macht daraus einen echt traurigen und wunderbar einfühlsamen Blues.

mit Banjo-Begleitung. 

eine Aufnahme aus dem Jahr 2007. Er zeigt Please Don’t Talk About Me When I’m Gone mit gepfiffenem Intro.

Von seinem Weihnachtsalbum stammt mit einem Duett mit Dr. John und dem Weihnachtslied Frosty The Snowman.

, einer seiner Dauerbrenner.

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