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Biographie zu Big Mama Thornton

Biographien von Bluesmusikern sind ein wichtiger Bestandteil der Geschichtsschreibung. In einem Genre, in dem die erste und stilbildende Generation von Musikern keine Autobiographien schrieben, weil das gedruckte Wort keinen grossen Stellenwert in ihrem Leben einnahm, sind die akribische Schilderung der Lebensumstände und -veränderungen einzelner Musiker von grossem Wert. Die ersten Generationen von Bluesmusikern weilen nicht mehr unter uns, und umso wichtiger wird die Recherche, die Suche nach Spuren in Archiven und Phonoteken. Michael Spörke legt nun mit Big Mama Thornton : The Life and Time eine gut recherchierte Biographie zu Willie Mae «Big Mama» Thornton (1926–1984) vor, der wohl bedeutendsten Bluessängerin, die  nur deshalb nie den Titel «Queen of the Blues» trug, weil sie so gar nichts weiblich-majestätisches an sich hatte. Aber auf der Bühne und im Studio hat «Big Mama» Thornton die Blueswelt entscheidend geprägt — weit über ihre berühmten Titel Hound Dog und Ball and Chain hinaus. Spörke schliesst mit dieser Biographie eine schmerzliche Lücke in der Historiographie des Blues und er setzt Willie Mae «Big Mama» Thornton das ihr gebührende Denkmal. Das Buch setzt gezwungenermassen auf die Berichte dritter, baut aber auch auf Archivmaterial und zeitgenössische Zeitungsberichte. In der in Erfahrung zu bringenden Tiefe hat Spörke ihr Leben beschrieben. Das Buch regt an, an Stellen weiter zu grübeln, wo sich der Autor eines Urteils enthält.

Die als «Big Mama» bezeichnete Willie Mae Thornton war die Autorin und damit die Quelle eines der wichtigsten Songs der Gegenkultur: Janis Joplins Riesenhit Ball and Chain. Michael Spörke, der mit diesem Buch zum ersten Biograph Thorntons wird, ging den Fluss hoch zur Quelle. 2003 veröffentlichte Spörke eine deutsch verfasste Biographie von Janis Joplins Begleitband unter dem Titel Big Brother & the Holding Co. 1965–2003 (Books on Demand, 224 S. ISBN 978-3-8311-4823-3, 20€ bei Amazon.de). Von hier aus scheint es konsequent, zur Quelle zurück zu kehren und über «Big Mama» Thornton zu recherchieren. Nach 11 Jahren liegt nun also eine englischsprachige Biographie der wichtigsten Bluessängerin vor, die es jemals gegeben hat.
 
Thornton war dabei weder die erste Bluessängerin — davor gab es schon Bessie Smith und Ma Rainey — noch der Liebling des Feuilletons — eine Position, die wohl auf immer von Billie Holiday besetzt sein wird. Aber sie war die Vokalistin, die auf Augenhöhe mit den wichtigsten Bluesmen der 1950er bis 1970er Jahren konkurrieren konnte, und die daher in einem Atemzug mit «T-Bone» Walker, Willie Dixon, B.B. King oder Muddy Waters zu nennen ist, wenn es um die Ausformung der Kunstform nach dem Zweiten Weltkrieg geht. «Big Mama» Thornton hat der Welt gezeigt, dass Bluesmen auch Frauen sein können.
 
Michael Spörke hat für seine Schilderung des Lebens der Künstlerin ausführliche Recherchen unternommen, und er trägt in seiner Biographie entsprechend eine Menge an harten und  wertvollen Fakten zusammen. Neben dem eigentlichen Text der Biographie (S. 5–148), umgeben mit einem Vorwort und einem Epilog beinhaltet Spörkes Buch eine chronologische Übersicht über die wichtigsten Auftritte in jedem Jahr ihrer Karriere (S. 151–162), einer Diskographie (S. 163–170) und einer Liste der Film- und Fernsehauftritte, bzw. ihrer Musikvideos (171–172). Es gibt einen sechsseitigen Anmerkungsapparat zum Biographietext, in dem Spörke vorbildlich die Quellen seiner Aussagen belegt und einen Index.
 
Durch Michael Spörkes Darstellung zeichnet er das Bild einer liebenswerten und zu langjährigen Freundschaften fähigen Künstlerin, die sich einen festen Rang im nationalen Circuit der Bluesfestivals erarbeitete, und deren Auftritte regelmässig zu Showstoppern wurde, weshalb schon früh in ihrer Karriere Thornon als letzter Akt die Bühne betrat — ihr Auftritt war der Höhepunkt und nach ihr aufzutreten wäre auch für Muddy Waters eine undankbare Aufgabe gewesen. Aufgewachsen in einfachsten Verhältnissen in Alabama und mit rudimentären Schrift- und Lesekenntnissen ausgestattet konnte sich «Big Mama» eigentlich nur auf sich selbst verlassen, was möglicherweise mit dafür verantwortlich war, dass sie stets als Solokünstlerin, nie als Bandleader in Erscheinung trat. Längerfristige Zusammenarbeit wie mit George «Harmonica» Smith oder Edward Wilson «Bee» Houston waren immer nur vorübergehende Arrangements. Thornton war eine starke Frau, sie war keine Führungspersönlichkeit, um es mal in diesem Jargon auszudrücken.
 
Musikalisch, das heisst gesanglich über jeden Zweifel erhaben, stand Thornton auch als Schlagzeugerin und vor allem Harmonika-Spielerin «ihren Mann». Was sie hinderte, war ihr Pech im Umgang mit anderen. Johnny Ace, der Thornton gross herausbrachte, wurde ein Opfer seiner eigenen Dummheit und starb vor seiner Zeit, in der Wahl ihres Managements erwiesen sich Thorntons Instinkte als nachteilig. Dass sie beim Moment des unglücklichen Todes von Ace in dessen unmittelbarer Nähe war, ist ein weiterer Bestandteil ihres lebenslangen «Blues».
 
Gegen Ende ihres Lebens und ihrer Karriere zeigten sich die Probleme als übermächtig, ein Übermass an Alkohol und eine anscheinend nur unzureichend behandelte Krebserkrankung brachten Auszehrung und vorzeitigen Tod 1984 im Alter von noch nicht einmal 58 Jahren. Wir erfahren wenig über das Privatleben der Frau, was aber erklärlich ist, denn dieses hielt sie offenbar auch privat. Spörke erörtert die Theorie oder das Gerücht, je nach dem, dass Thornton lesbisch gewesen sein könnte, aber er bringt kaum stichhaltige Belege dagegen noch dafür, und so sind praktisch alle Schilderungen solche von Thornton als Künstlerin und weiter geht die Beschreibung nicht.
 
Die Biographie ist sehr gut leserlich geschrieben, es gab anscheinend ein englischsprachiges Lektorat, und Spörke berichtet über die gesamte Bluesszene der Zeit. Als beispielhaft sei hier ein Abschnitt zitiert, in dem von den frühen Jahren Clarence «Gastemouth» Browns die Rede ist und seiner Zeit als Künstler für das Label «Peacock», für das auch Thornton Aufnahmen machte: «Gatemouth Brown was in Houston, managed by Don Robey, but since there were no booking agencies interested in Brown, Evelyn Johnson, who worked with Don Robey, applied for a booking license tot he American Federation of Musician and created the Buffalo Booking Agency. Through that agency, Johnson could book Brown in Texas and also soon in Arkansas, Louisiana, Mississippi and by 1951 even for a series of Shows in California. The role of Johnson was not appreciated enough in the view of many who knew her. For B.B. King she was "one of the greatest women of her time". She managed to watch over the interests of the artists as well as Don Robey interests and what was best for his business. So in Brown's words "she made Robey," but in a way Brown made Robey too. Because of Brown, Don Robey and Evelyn Johnson founded Peacock Records , and because of Brown they both founded the Buffalo Booking Agency. Since neither Brown nor the agency could attract large audiences, they created a route of small clubs and venues. Later musicians and agents would only refer to Buffalo Booking Agency venues as the "chitlin circuit". The result was a market area that eventually included not only Texas but Arkansas, Louisiana, Mississippi, Alabama and Georgia. When the artist roster grew, Peacock artists could also be booked in St. Louis, Kansas City and Chicago.»
 
Wenn man der Biographie etwas vorwerfen möchte, dann vielleicht, dass es für die Auftritte «Big Mama» Thorntons in den 1960er Jahren sehr viele Fakten gibt, so dass sich Erwähnung an Erwähnung von Auftritten reiht, ohne dass viel über die Befindlichkeit bekannt würde. Es gibt hier streckenweise Passagen, die leicht listenartig wirken. In diesen Stellen ist die Biographie zu wenig analytisch und bleibt im Deskriptiven.
 
Aber insgesamt ist die Leistung Michael Spörkes zu feiern, der mit dieser Biographie einer Blueskünstlerin ein Denkmal setzt, die allzu leicht vergessen geht im grossen Pantheon von männlichen Bluesmusikern. Thornton war eine Frau, eine Schwarze Frau und eine Schwarze Bluesfrau. Dass sie dabei ein Powerhaus gewesen sein muss, versteht sich so fast von selbst. Schön, dass sie nun gewürdigt wird.
 
Michael Spörke - . Big Mama Thornton : The Life and Music - . Jefferson, N.C.: McFarland & Co, 2014 - . ISBN 978-0-7864-7759-3 (paperback) 978-1-4766-1422-9 (e-book)
 
 
 

 

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