Richard Koechli: Dem Blues auf der Spur
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Afro-Amerikanische Wirklichkeit

Die Amerikanische Soziologin Alice Goffman hat eine faszinierende Doktorarbeit verfasst, die in den USA als Buch für Furore sorgt und die nun unter dem Titel On the Run: Die Kriminalisierung der Armen in Amerika auch in deutscher Übersetzung vorliegt. Ihr Buch On the Run ist eine intensive und über Jahre entstandene Fallstudie einer kleinen Gemeinschaft von Afro-Amerikanern, die im «Ghetto» von Philadelphia leben und ihr Leben rund um ihr Verhältnis zum und Flucht vor den Strafverfolgungsbehörden organisieren. Obschon Goffman mit keinem Wort den Blues erwähnt, wird klar, wieso aus den Schwarzen und von Armut betroffenen Bevölkerungsschichten der USA keine Bluesmusiker mehr hervorgehen werden. Insofern ist die Studie relevant, wenn man sich fragt, wieso eigentlich sich der Blues von einer Schwarzen zu einer Weissen Musikform gewandelt hat.

Um den Blues zu verstehen, ist es unabdingbar, die Lebensumstände der Bluesmusiker und die sozialen Geflechte zu verstehen, in denen sie leben. Die Situation der Sharecropper und der Gefängnisinsassen auf den Landwirtschaftsfarmen des US-Südens zwischen den Weltkriegen hat die Sprache des Blues geprägt, die verfügbaren Instrumente auf den Farms und den in den Juke Joints haben seine Musik bestimmt.

Das Sharecropper-Regime ist Vergangenheit, aber auch der Nachwuchs an Bluesmen ist nicht mehr vorhanden. Schwarze Bluesmusiker stammen heute aus Musikerfamilien (Alvin Youngblood Hart) oder aus akademischen Familien (Corey Harris, Taj Mahal). Lediglich Keb' Mo wurde in South Central Los Angeles geboren und damit an einem sozialen Brennpunkt.

Alice Goffman hat kein Interesse am Blues. In ihrem über sechs Jahre recherchierten Werk On the Run zeigt sie, wie zwei Schwarze Familien in einem Slum von Philadelphia, dass sie 6th Street nennt, leben. Sie beleuchtet systematisch, wie die Politik der Nulltoleranz gegenüber Kleinkriminalität eine Familie mit drei Söhnen in unterschiedlichen Stadien der Adoleszenz dominiert. Die Crack-süchtige Mutter und ihre drei Kinder werden schonungslos beschrieben in ihrem Bemühen, zwischen Haftbefehlen, juristischen Anklagen, Gerichtsverhandlungen, Bewährungshelfern und Haftanstalten ein geregeltes Leben aufzubauen. Auch das soziale Umfeld wird einfühlsam und nachvollziehbar beschrieben, so dass man sich perfekt in die Situation hineinversetzen kann.

Die Soziologin beschreibt die Bewohner und ihre Partnerinnen, Mütter, Grossmütter sowie das weitere Umfeld präzise und verständlich. Sie widmet sich auch jenen im «Ghetto», die mit dem Gesetz nicht in Konflikt stehen, und sie erschafft so eine Beschreibung der Lebenswelt dieser Menschen, die in Filmen wie New Jack City oder Fresh so präsentiert wird, wie das in Filmen eben üblich ist, nämlich stark reduziert, romantisiert und einseitig.

Nun gibt es zwischen Alice Goffmans Buch und dem Blues keinen direkten Zusammenhang, aber indirekt lässt sich sehr wohl eine Verbindung herstellen. Wenn die jungen Männer der 6th Street sich für Musik interessieren, hören sie Hip-Hop, was einerseits mit dem Livestyle zu tun hat, aber es wird auch klar, dass jegliche Infrastruktur vollkommen fehlt, die das Erlernen eines Instruments oder komplexerer Akkorde als in Rap-Songs erlauben würden. Die Möglichkeit, eine Existenz als Musiker aufzubauen ist diesen Menschen verunmöglicht, weil sie nie irgendwo registriert sein wollen, also können sie keine Auftritte vereinbaren. Die älteren Bewohner, die aus dem Süden hochkamen und die vielleicht den Blues gehört haben, können diesen nicht mehr vorspielen, weil sie keine Stereoanlagen mehr haben. Raub und Hehlerei sind so selbstverständlich, dass man keine Kontinuität in seinem Leben haben kann.

Das Buch macht vieles klar über die Lebenswirklichkeit der ärmsten Schwarzen Bevölkerung, ohne dass es auf andere ethnische Gruppen näher eingeht. Wenn man verstehen will, was das Leben im «Ghetto» heute prägt, nachdem mit Sklaverei und Segregation eine dunkle Zeit überwunden schien, nun, da es die Bürgerreichte gibt und sogar einen Afro-Amerikanischen Präsidenten, dann ist das Buch von Alice Goffman wärmstens zu empfehlen. Die Musik spielt darin keine Rolle, und doch macht das Buch deutlich, weshalb ein grosser Teil des musikalischen Potenzials der 1930er Jahre heute so nicht mehr heranwachsen kann, dass sie die Tradition des Blues weiterhin pflegen könnten. Die Tatsache, dass heute Weisse Musiker auch aus den USA die Tradition weitertragen, ist vor diesem Hintergrund nicht nur ein Glücksfall, es ist die Rettung des Blues und seine Zukunft im 21. Jahrhundert.

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