Richard Koechli: Dem Blues auf der Spur
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Präzise und berührende Biographie

thumb DerVergesseneKoenigDesBluesBuchCoverEine leider etwas aus der Mode gekommene Zaubershow zeigt einen Magier, der die Bühne mit einem Koffer betritt, aus dem er nach und nach üppige Blumensträusse, Topfpflanzen, sogar kleine Bäume auspackt. Immer, wenn man glaubt, nun sei der Koffer aber bestimmt leer, zaubert er noch ein riesiges Bouquet, noch einen Gummibaum, noch eine Yukkapalme hervor, bis schliesslich die ganze Bühne unter einem Blumenmeer verschwindet. Daran erinnert Richard Koechlis neuster Roman «Der vergessene König des Blues – Tampa Red». 

Die in einen Roman verpackte Geschichte des Musikers enthält eine schier endlose Menge an Informationen, die weit über die biographischen Daten Tampa Reds hinausgehen, wenngleich sie auch alle mit seinem Leben und Wirken verknüpft sind. Für Bluesfreunde mit Interesse an der Geschichte des Blues und der zeitgenössischen populären Musik ist das Buch eine sprudelnde Quelle des Wissens. Koechli breitet sein enormes Wissen über Querverbindungen, Fehlinformationen und Zusammenhänge aus und beschert dem Leser jede Menge Aha-Erlebnisse.

Es ist, nach der Geschichte um Fred Loosli, dem Helden seines ersten Romans «Dem Blues auf den Fersen», sein zweiter Roman. Er erzählt aus dem Leben eines der interessantesten Figuren in der Bluesgeschichte. Die Informationen über Hudson Whittaker, wie Tampa Red hiess, sind nur spärlich und fragmentarisch vorhanden. Es gibt bisher keine ausführliche Biographie über den Künstler, keinen Film, selbst die Einträge in den bekannten Blueslexika sind kurz und knapp. Dabei. . .war er einer der wichtigsten Bluesmänner des 20. Jahrhunderts. . . Koechli möchte gerne diesen zum grossen Teil übersehenen Musiker gebührend würdigen, denn . . . Tampa Red müsste im selben Atemzug mit Blues Legenden wie Robert Johnson, Muddy Waters oder B.B. King genannt werden.

Um eine kohärente Schilderung des Lebens des Musikers zu erreichen, musste Koechli die Puzzleteile seiner Biographie zu einem Ganzen zusammenfügen und die Wissenslücken irgendwie integrieren. Er wählte dazu die Romanform und einen gelungenen Trick, indem er Tampa Red seine Geschichte selbst erzählen lässt. Dadurch, dass dieser sich nicht mehr an alle Details erinnern kann, werden die biographischen Lücken plausibel. Bei den Schilderungen hilft ihm ein Pärchen, das ihn über eine längere Zeit stundenweise besucht, weil es über ihn eine Biographie schreiben möchte. Alles spielt sich im Altenheim ab, in dem Whittaker seine letzten Jahre verbrachte. Es ist also im Grunde genommen ein Dreipersonenstück, auch wenn ab und an der Heimleiter auftaucht, der jedoch keine Rolle spielt. Das Ganze spielt im März 1981, in den Tagen vor Whittakers Tod.

Der Plot geht so:

Die junge Pflegerin Anna muss für den Abschluss ihrer Ausbildung ein einmonatiges Praktikum in einem Altersheim absolvieren und landet im Central Nursing Home in Chicago, einem ziemlich heruntergekommenen Armenhaus. Sie hat während ihrer Ausbildung vom Pflegemodell nach Rudas und Böhm gehört und möchte das neue Wissen in der Praxis anwenden. Dabei geht es darum, durch die intensive Auseinandersetzung mit der eigenen Biographie die Betroffenen zu reaktivieren und aus ihrer Desorientierung heraus zu holen. Es gelingt ihr, den Heimleiter für ihre Idee zu gewinnen und sie darf sich einen Insassen aussuchen, um sie umzusetzen. Sie wählt einen scheinbar verwahrlosten Mann der verwirrt und verschlossen vor sich hindämmert. Es ist Hudson Whittaker. Natürlich weiss sie nicht, wer er ist.

Zuhause erzählt sie ihrem Freund Eric davon. Der etwas altkluge, aber liebenswürdige Automechaniker ist ein grosser Bluesfan, spielt in seiner Freizeit Gitarre und betreut eine Blues-Radiosendung. Als er realisiert, wen sich Anna für ihre Versuche ausgesucht hat, ist er total aus dem Häuschen. Er kennt den Musiker und weiss um dessen Bedeutung. Er würde gerne mithelfen, Whittakers Gedächtnis auf die Sprünge zu helfen und mit den Informationen eine Biographie zu verfassen um die Lebensgeschichte des wichtigen, aber fast vergessenen Musikers öffentlich machen.

Anna gewinnt rasch das Vertrauen des alten Mannes und es gelingt ihr, ihn für das Vorhaben zu begeistern. Von nun an treffen sich die drei regelmässig. Die Treffen verlaufen alle ähnlich. Eric regt mit seinem Wissen Tampa Reds Erinnerung an, worauf dieser Erics Aussagen bestätigt, präzisiert oder korrigiert. Stück für Stück enthüllt sich dem Leser Whittakers Weg vom Waisenknaben über den Superstar bis zum mittellosen, einsamen, vergessenen Insassen eines Heims. Whittaker, Anna und Eric kommen sich Stück für Stück näher und werden schliesslich Freunde. Gegen Ende des Romans planen die beiden sogar, Hudson zum Konzert mit Muddy Waters und den Rolling Stones in die «Checkerboard Lounge» zu begleiten, das im November 1981 stattfinden soll. Leider kommt es nicht mehr dazu. Am 19. März 1981 stirbt Tampa Red beim Frühstück. Im selben Jahr wurde er in die «Blues Hall Of Fame» aufgenommen.

Tampa Red war während langer Zeit ein führender Musiker mit einer enormen Schaffenskraft, ein begnadeter Interpret und wegweisender Gitarrenvirtuose. Seine aktive Zeit überstreicht eine Periode von mehr als dreissig Jahren, von den Zwanziger- bis in die Fünfzigerjahre und endete mit dem Tod seiner Frau, der ihn völlig aus der Bahn geworfen hatte und ihn zum Trinker werden liess. Er hat mit allen relevanten Musikern in dieser Zeit zusammengespielt und viele davon gefördert und inspiriert. Sein Echo ist bis heute zu hören. denn er hat unzählige Künstler nach ihm beeinflusst. Darüber hinaus war er ein ausserordentlich produktiver Komponist mit einem Oeuvre von über 300 Songs. Allein zwischen 1928 und 1942 spielte er über 250 Aufnahmen ein. Viele davon haben es in den Kanon des Blues geschafft. Nicht wenige seiner Songs wurden nicht bloss gecovert, sondern buchstäblich übernommen, indem teilweise sogar verschiedene Künstler in den Begleittexten als Urheber angegeben werden.  Dazu hatte er ein offenes Haus in Chicago, in dem die gesamte Crème der Chicagoer Bluesszene ein- und ausging.

In seinem Leben gab es also die Zusammenarbeit mit vielen verschiedenen Musikern, sowohl live, als auch in den Studios. Er war ein Pionier der E-Gitarre und der erste, der eine Stahlgitarre spielte, er entwickelte seine eigene Technik des Slidespiels. Er legte Grundlagen für den Rock’n’Roll. Er brachte mit It Hurts Me Too und Love Her With A Feeling völlig neue Texte in eine bis dahin von Machosprüchen dominierte Welt ein.

Richard Koechli ordnet all diese Informationen chronologisch und bettet sie in oft berührende Szenen in seine Geschichte ein. Es gelingt ihm damit, eine sehr intime und persönliche Atmosphäre zu erzeugen. Nach einer Weile erhält man den Eindruck, bei diesen «Sitzungen» dabei zu sein und erfährt die Geschichten sozusagen aus erster Hand. Neben den eigentlichen Informationen über Whitakker streut Koechli immer wieder interessantes Wissen in seinen Roman ein. Man erfährt zum Beispiel etwas über die Entstehungsgeschichte der Resonator Gitarre, oder wo Muddy Waters Song Rollin’ Stone seinen Ursprung hat.

Koechli macht mit diesem Buch ein wichtiges Kapitel in der Bluesgeschichte öffentlich, das bisher überhaupt nicht beachtet worden ist. Seine Absicht war es, . . . dem vergessenen König nachträglich ein würdiges Ende zu bereiten. . . Das ist ihm hervorragend gelungen. Im Vorwort des Buches heisst es: Spannend wie ein Krimi, berührend wie ein Drama, klärend wie ein Geschichtsbuch. Das trifft es genau. Das Buch ist gründlich recherchiert, angenehm zu lesen und die Geschichte berührt. Offizieller Ausgabetag ist der 6. April 2017. Es ist aber bereits ab Erscheinen dieser Rezension über die meisten Shops erhältlich. bluesnews.ch empfiehlt es jedem ernsthaften Bluesliebhaber.

Hier gibt es Interview mit Richard Koechli über das Buch.

Richard Koechli – Der vergessene König des Blues – Tampa Red
Verlag: tredition GmbH, Hamburg

ISBN Paperback: 978-3-7439-0616-7
ISBN Hardcover: 978-3-7439-0617-4
ISBN e-Book: 978-3-7439-0618-1

Zum Buch hat Koechli auch einen Song geschrieben: The Unsung King – Tampa Red. Leser des Buches können ihn beim Autor bestellen. Näheres dazu auf der Website Richard Koechlis.

Website Richard Koechli

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