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claptonbuchtitel.jpgWenn eine so genannte Legende ihr Leben beschreibt, sind die Erwartungen so hoch wie verschieden. Eric Claptons Autobiographie, die er zusammen mit Christopher Simone Sykes und Richard Steele verfasste, ist ein merkwürdiges Buch. Wer eine Schilderung seiner Musikerkarriere mit Blick hinter die Kulissen des Showbusiness erwartet, wird zwar nicht enttäuscht, aber in erster Linie ist es ein Geständnis des Scheiterns und gleichzeitig ein Dokument der Hoffnung.
Die Stärke liegt im tiefen Einblick, den er uns in die Abgründe eines Junkies und Trinkers gewährt, unprätentiös und mit einer grossen Aufrichtigkeit. Dass er seinen Status als Legende, die sich ja im berühmten Graffiti Clapton is God schon früh in seiner Karriere manifestiert ebenso wenig ernst nimmt, wie die oft zitierte Meinung, er sei der beste Gitarrist überhaupt, ist keine Koketterie, sie ist von ihm immer wieder zu hören. Das alles ist gefällig geschrieben und angenehm zu lesen, obwohl ich die allenthalben angekündigte Selbstironie und den ebenso gelobten schwarzen, englischen Humor eher spärlich verteilt fand. Ich finde das Buch aber bemerkenswert selbstkritisch und von einer angenehmen Bescheidenheit für einen Superstar, der doch lange Zeit seines Lebens wohl in einer irrealen Welt gelebt hat.
 
Das Buch ist durchgehend chronologisch, Kindheit bei den Eltern, die ihn im Unklaren darüber liessen, dass sie eigentlich seine Grosseltern waren und seine Mutter gar nicht seine Schwester. Eine Tatsache, die jedem, der sich auch nur ein wenig mit Clapton beschäftigt hatte, nicht neu ist. Interessant sind in diesem ersten Teil des Buches auch die zeitgeschichtlichen Schilderungen einer Welt kurz nach dem Krieg mit all den damals herrschenden Moralvorstellungen und auch materiellen Einschränkungen.

Es folgen die Beschreibungen der ersten Kontakte mit der Musik, die ersten Erfolge mit den Yardbirds, die Zeit mit John Mayall und schliesslich als erster Höhepunkt Cream. Der weitere Weg über Blind Faith zu Derek and the Dominoes, bis er schliesslich zu seiner Solokarriere fand. Die Biographie eines Musikers eben, nicht weiter überraschend und dass den Begegnungen mit unzähligen Leuten aus der Branche und deren gegenseitige Beziehungen soviel Raum zugestanden wird, dass man beinahe den Überblick verliert, erwartet man in einer Musikerbiographie. In diesem Teil des Buches erfahren wir viel über die Zusammenhänge in der Szene und so viel über die Entstehung seiner Songs, dass man gleich Lust verspürt, all seine Titel unter diesem Gesichtspunkt und mit diesem Wissen neu anzuhören.

Dann aber gibt es eine Wendung. Mutig berichtet Clapton davon, dass er zwar ein Superstar ist, das Leben aber trotzdem - vielleicht auch gerade deswegen - nicht so richtig auf die Reihe kriegt. Er scheitert musikalisch, indem er eine lange Zeit nicht mehr an die frühen Erfolge anknüpfen kann. Er ist auch in seinen erfolgreichsten Phasen musikalisch unzufrieden, ist hier ebenso ein Getriebener, wie in seinem privaten Umfeld, ein Suchender. Er scheitert in seinen Beziehungen. Tragisch sein Kampf um Patty, die Liebe seines Lebens, den er nach langer Zeit und vielen Umwegen gewinnt und gleichzeitig verliert, da er inzwischen unfähig geworden ist, ein Leben zu führen, das ihm erlaubt hätte, sein privates Glück zu schätzen und zu leben. Er scheitert an seiner Unreife, an seiner Unfähigkeit, Verantwortung zu übernehmen. Und er scheitert an seinem Drogenkonsum, wobei offenbar der Alkohol dominiert. All das beschreibt er mit grosser Offenheit. Seine Rolle als Musiker geht dabei völlig unter, obwohl er immer wieder betont, dass sie letzten Endes das einzige war, das ihn über diese dunkle Zeit getragen hat. Das alles schildert er nüchtern und mit einer bewundernswerten Fähigkeit zur Selbstreflektion.

Am Tiefpunkt seines Lebens angekommen, versucht er einen Ausbruch aus der Umklammerung des Alkohols, der zunächst scheitert und erst im zweiten Anlauf gelingt. Der Rest der Biographie beschäftigt sich weitgehend damit, wobei das ganze weder sektiererisch wirkt, noch weinerlich daherkommt. Vielmehr schildert er glaubwürdig, wie er sich langsam wieder aufrichtet und der Sucht entkommt. Parallel dazu wird es ihm möglich, sich auch musikalisch zu verändern. Allenthalben wird ja kritisiert, seine Musik sei in der ersten Hälfte seines musikalischen Lebens besser, interessanter und so weiter gewesen. Eine Beurteilung, die ich nie teilen konnte. Gewiss sind diverse schwache Titel darunter, aber nach meiner Meinung ist seine Annäherung an die Wurzeln seiner Musik glaubhaft und reif und ich höre den späten Eric sehr gerne.

Die Biographie endet mit der Beschreibung seines Engagements für andere Trinker, die in der Einrichtung des Crossroads Centre gipfelt, einer Klinik für Alkoholkranke. In dieser Phase seines Lebens gelingt ihm auch ein "bürgerliches" Glück. Seine musikalischen Ausflüge werden bestimmt und unaufgeregt. Offenbar kann er jetzt, da er trocken ist, die Begegnungen mit den anderen Musikern klar erleben und schätzen. Dass er ruhiger geworden ist, liegt nicht nur am Alter, sondern an der besonderen Situation eines trocken gelegten Trinkers, der er nun geworden ist und der so etwas wie eine zweite Geburt erlebt. Dass er dennoch um die Gefahren weiss und sich bewusst ist, wiederholt er immer wieder mit grossem Nachdruck.

Ich habe diese Biographie gerne gelesen und empfehle sie jedem, der Claptons Musik mag und mit ihr etwas anzufangen weiss.

Eric Clapton: „Mein Leben“. Aus dem Englischen von Kristian Lutze und Werner Schmitz. Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2007. 350 S., geb., Abb., 19,90 Euro.

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