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Abendlektüre

Journalist Art Tipaldi ist heute der Chefredaktor von Blues Revue, einem wichtigen und einflussreichen Bluesmagazin, das in Print wie auch Online erscheint. Der Blues-Journalist hat 2002 ein Buch veröffentlicht mit dem Titel Children of the Blues : 49 Musicians Shaping a New Blues Generation. Darin wird die nächste Generation von Bluesmusikern vorgestellt, und der Fokus liegt dabei gemäss eigenem Anspruch darauf, dass diese jungen Musiker nicht nur die Flamme des Blues weiter am Brennen halten, sondern wie sie sich in einer Tradition ihren Lehrern gegenüber verpflichtet sehen. Das Konzept ist wirklich gut und wenn man an dem Buch auch einiges aussetzen kann, hat Tipaldi doch irgendwie ein nettes Lesebuch kompiliert. Über die Auswahl der Musiker, die vorgestellt werden, kann man natürlich immer die Stirne runzeln, aber etwas anderes ärgert viel grundlegender an seinem Buch. Der Titel und das Titelbild führen in die Irre, denn so viele Blueskinder gibt es nun auch wieder nicht, wie auch Tipaldi bald eingestehen muss.

Art Tipaldi ist eine grosse Nummer im Blues.Er ist heute Chefredaktor einer so grossen Zeitschrift wie der Blues Revue, in der er 1994 seinen ersten Artikel publizierte (Ein Profil über Guitar Shorty). Bereits 1996 wurde er für seine journalistischen Leistungen mit dem « Keeping the Blues Alive Award» der Blues Foundation ausgezeichnet, deren Board er seit 12 Jahren angehört. In seinem Hauptberuf Englischlehrer (seit 1973 an einer High School) hat er in seinen Kursen die Afro-Amerikanische Literatur und den Blues in Zusammenhang gebracht, und er hatte schon Bluesmusiker in seinen Schulstunden. Die Serie zum Blues auf dem öffentlich-rechtlichen Sender PBS basierte auf der Grundlage seines Kurses. Der Mann hat also Zugang zu Bluesmusikern, die er für sein Buch interviewen und befragen konnte. Leider bleibt das Buch etwas enttäuschend.

Sein Buch selbst ist denn auch eine Sammlung von Musikerporträts mit einer Länge von je unter zehn Seiten, auf denen man aber einiges über den musikalischen Werdegang und die Ideale des Musikers erfährt. Das wäre an sich spannend, ist aber häufig etwas geschwätzig und Art Tipaldi versäumt es, nachzufragen. So bleibt vieles zu oberflächliches Geschreibsel und «name dropping» (Irgendwann wird selbst die Verehrung für B.B. King repetitiv). Das ist schade und Tipaldi  hat es leider versäumt, den journalistischen Duktus aufzugeben und eine Publikation fertig zu stellen, die wirklich in die Tiefe geht und die Vorbilder und musikalischen Einflüsse herausschält.

Beispielsweise wird im Abschnitt zu Kim Wilson dem texanischen Harp-Spieler Raum gelassen, dass dieser über den wichtigsten Moment seiner Karriere sprechen kann: Als Mitglied der Houseband in «Antone‘s» mit Muddy Waters auf der Bühne zu stehen und ein Lob zu kriegen. Aber damit hört es auf. Wilson Verehrung für Muddy wird deutlich, aber was es ihn dem jungen Wilson auslöste, bleibt ohne Tiefgang. Wilson spricht darüber wie wichtig ihm die Anerkennung der alten Blueser war, aber erwähnt auch, dass man ohne Unterlass weiter an sich arbeiten muss. Schön und gut, aber eben journalistisches Interview-Gerede. Die wirkliche Lehrer-Schüler Beziehung bleibt aussen vor. Der eigene Anspruch bleibt unerfüllt und so ist das Buch keine Publikation, die den Titel Children of the Blues rechtfertigen würde.

Natürlich gibt es auch die Biographien wirklicher Kinder, also Bernard Allison, der Sohn Luther Allisons oder Johnny Copelands Tocher Shemekia sowie Lonnie Brooks und sein Sohn Baker Brooks. Dochdas war’s eigentlich schon. Weitere biologische Eltern-Kind-Beziehungen im Blues werden nicht thematisiert. Das erstaunt, denn Big Bill Morganfield hatte aber seine erste CD bereits veröffentlicht als das Buch erschien, ebenso Zakiya Hooker. Wieso diese nicht erwähnt sind? Unverständlich. Art Tipaldi thematisiert auch das Problem der Eltern-Kind-Beziehung bei Musikern oder Künstlern generell an keiner Stelle, was erneut schade ist und in einem mit diesem Titel irgendwo schon zur Sprache kommen sollte, gibt es doch seit den Walzerkönigen Strauss in Wien diese Thematik. Sean Lennon oder Jakob Dylan hätten vielleicht auch etwas zum Thema sagen können.

Bei der Auswahl der Musiker hätte der Autor auch etwas mehr Mut zeigen können. 2002 ist es nicht mehr selbstverständlich, Taj Mahal oder Duke Robillard zu den «Kindern des Blues» zu zählen. Was soll das? Für jemanden mit dem Netzwerk Tipaldis wäre es wohl nicht zu verlangt, schon im Jahr 2002 etwa Nick Moss vorzustellen, der ein Jahr später sein sensationelles Erstlingswerk Count Your Blessings veröffentlichte. Auch werden ausschliesslich amerikanische Bluesmusiker erwähnt. Natürlich kommen keine Europäer zur Sprache, aber nicht mal der junge Kanadier J.W. Jones wird erwähnt.

So bleibt das Buch eine Sammlung von Kurzporträts ohne thematische Klammer und ohne den Versuch zu unternehmen, etwas über diese spezielle Beziehung im Blues auszusagen. Immerhin: es gibt nicht viel Konkurrenz, so dass es wenigstens Infos zu Musikern gibt, für die man sonst aufs Internet angewiesen ist. Die Musikerporträts sind lang genug um informativ zu sein und kurz genug, dass man einfach mal auf Verdacht losliest. Hierin liegt die Stärke des Buches, es ist niederschwellig und lädt zum stöbern durchaus ein. Wenn man nicht zu viel erwartet, kann es ein gutes Buch sein, einfach eines über weniger bekannte Musiker und nicht ein Buch über die «Kinder des Blues».

Die 49 Künstler, die vorgestellt werden sind aufgeteilt in die folgenden Gruppen und mit biographischen Einträgen zu folgenden Personen:

Als «Real Fathers, Real Children» aber auch als «Chicago and the South» werden die folgenden Musiker beschrieben: Luther Allison, Bernard Allison. Lonnie Baker, Ronnie Baker, Wayne Baker Brooks, Johnny «Clyde» Copeland, Shemekia Copeland, Kenny Brown Big Jack Johnson, Jimmy D. Lane, Charlie Musselwhite, Kenny Neal, Lucky Peterson, Bobby Rush, Carl Wheathersby und Lil’ Ed Williams. Eine zweite Gruppe ist Texas gewidmet. Dies sind: Marcial Ball, Anson Funderburgh, Sam Myers, «Smokin’» Joe Kubek, Bnois King, Delbert McClinton, Sherman Robertson, Tommy Shannon, Jimmie Vaughan und Kim Wilson.

Die U.S.-Ostküste ist vertreten mit folgenden Künstlern: Rory Block, John Hammond, Taj Mahal, Bob Margolin, Dave Maxwell, Paul Rishell, Duke Robillard und das Trio Saffire – The Uppity Blues Women. Als letzte Gruppe folgt die Westküste mit den Vertretern Al Blake, Robert Cray, Debbie Davies, James Harman, Fred Kaplan, Keb’ Mo’, Doug McLeod, Coco Montoya, Kelly Joe Phelbs, Rod and Honey Piazza, Joe Louis Walker und Junior Watson.

Art Tipaldi - . Children of the Blues : 49 Musicians Shaping a New Blues Generation- . San Francisco: Backbeat Books, 2002 - . ISBN978-0-87930-700-4 - . € 17,50.-

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