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Ein Freund machte mich neulich auf die CD aufmerksam, die ich hier empfehlen möchte: Es ist eine Zusammenarbeit des malinesischen Gitarristen Ali Farka Touré und dem Amerikaner Ry Cooder, der das Album unter dem Titel Talking Timbuktu auch produzierte. Die Aufnahmen stammen aus dem Jahr 1993 von einer Session während Tourés US-Tour. Die CD zählt gemeinhin zur Musikrichtung «World Music», also zur traditionellen Musik, in diesem Fall Musik aus Mali. Auf Talking Timbuktu gibt es gemeinsame Klänge von Cooder, der bekanntlich den Blues gut kennt und oft spielt, der aber auch eine Reihe anderer Musikstile pflegt mit einem wahren Star der afrikanischen Musik zu hören. Sein Gegenüber Ali Farka Touré (1939-2006), der die Aufnahmen musikalisch wesentlich prägt ist ein aus Mali stammender Gitarrist, der Übernamen «Bluesman of Africa» oder «König des Wüsten-Blues» trägt, weil sein ausgezeichnetes Solo Gitarrenspiel bluesig klingt und seine Kompositionen ebenso mit einfachen hypnotischen Riffs arbeiten wie Blues-Boogie-Songs. Und weil der Blues von der westafrikanischen Bänkelsänger-Tradition ebenso beeinflusst wurde wie von der Weissen Folksmusik schottisch-Irischer Prägung schwingt bei dieser CD mit, dass es sich um eine Art Rückführung des Blues nach Westafrika handelt.

Um gleich klar zu machen, wie ich zu Welt-Musik stehe: ich liebe sie intellektuell und habe gleichermassen grosses Gefallen an chinesischen Pipa-Klängen wie auch am «Throat-Singing» der Inuit. Auch die europäische mittelalterliche Spielmanntradition mit Drehleier und Waldzither kann gefallen, aber es bleibt zumeist ein Vergnügen im Kopf, die Musik packt mich selten gefühlsmässig. Was nun die afrikanische Ethno- und Pop-Musik angeht, die auf lokale musikalische Wurzeln zurückgreifen, so ist mit das sehr wohl vertraut von afrikanischen Partys, aber auch hier kommt der Zeitpunkt, so die Musik beliebig wird, die Spannung verliert. Ohne jemandem zu nahe treten zu wollen: afrikanische Musik hat für mich als nicht Verständigen allzu oft den Charakter von «Gedudel», das einfach so vor sich hin mäandert.

Die Zusammenarbeit zwischen Weltmusikern und Amerikanischen Musikern aber kann sehr interessante Ergebnisse zeitigen, die auch kommerziell erfolgreich sein können wie Paul Simons Alben Graceland und Rhythm of the Saints gezeigt haben. Ry Cooder ist als echter Pionier der Zusammenarbeit mit «Weltmusik»-Musikern, so veröffentlichte er bereits 1974 zwei Schallplatten mit dem Haiwaianer Gabby Pahinui. 1994 folgte eine Zusammenarbeit mit dem indischen Gitarristen Vishwa Mohan Bhatt. Die Veröffentlichungen aus dem Umfeld des Buena Vista Social Club waren auf ihre Art grossartig, wenn dort Ry Cooder auch nur als Produzent in Erscheinung trat. Hier spielt er nun mit Ali Farka Touré zusammen. Für detaillierte biographische Informationen zum Leben Farka Tourés sei auf die Seite von Laut.de verwiesen. Er stammt als traditionell ausgebildeter Musiker aus Mali natürlich aus einer vollkommen anderen Welt, was sich illustrieren lässt am Detail, dass sein mittlerer Name Farka der Übername «Esel» ist, und dass dies als Kompliment gemeint ist. Auch musikalisch scheinen die Welten von Cooder und Touré zunächst getrennt, aber beide Musiker treffen und unterhalten sich auf Talking Timbuktu mithilfe des rhythmischen Idioms des Blues.

Für Bluesfreunde bietet diese Serie von Aufnahmen spannende und herausfordernde Songs, die teilweise klar Blues sind, aber dennoch etwas anders funktionieren. Was das Bluesige dieser Aufnahmen ausmacht ist die Grundlage eines Riffs, das deutlich an John Lee Hooker gemahnt. Solche Boogie-Riffs gibt es verschiedentlich, und auf diese werden dann afrikanische Gesänge und teilweise traditionelle Instrumente gesetzt.

Ali Farka Touré singt hier in 11 verschiedenen Sprachen. Er spielt akustische und elektrische Gitarre, dazu six-string banjo, das traditionelle Streichinstrument Njarka. Die Mitmusiker sind auch nicht von Pappe: Jazz-Fusion-Bassist John Patitucci, und Drummer Jim Keltner, sowie die afrikanischen Perkussionisten Hamma Sankare an der Calabash und Oumar Touré an den Congas. Dazu auf einem Titel Clarence «Gatemouth» Brown mit einem Gastauftritt.

Während der erste und der zweite Titel wenig Bluesiges haben, kommt bei Gomni ein erstes Mal das Erfolgsrezept in Einsatz: ein einfaches Boogie-Riff, das den Song unterlegt, und über das die weiteren Instrumente einstimmen, bis schliesslich der Gesang kommt. Die lyrischen Sololinien der beiden Gitarristen bringen eine sphärische Atmosphäre dazu. Der folgende Titel Sega wiederum hat dann nichts vom Blues, es bietet ein traditionelles Streichinstrument und interessante verzwickte Rhythmen. Der fünfte Titel Amandrai ist erneut ein echter und klarer Blues. Auf der Basis der Begleitung von Hoochie Coochie Man ist dies eine dieser magischen Songs, die einen nicht loslassen, bei der man in der Trance der gemächlichen Musik aufgeht. Mit einer Länge von 9:22 entfaltet sich diese Trance auch wirklich. Tourés Gesang ist dann wieder der eines afrikanischen Geschichtenerzählers, während das Slide-Solo von Ry Cooder einfach nur reiner Delta-Blues ist. Die Begleitung lässt sich auf einem solch klaren Bluestitel deutlicher von der traditionellen Rhythmus-Sektion aus Bass und Schlagzeug abgrenzen. Es klingt nach einer Art Schellentamburin.

Der sechste Titel Lasidan bringt einen Gastauftritt von Clarence Brown mit einem seiner bekannten Gitarrensoli, das perfekt dazupasst. Titel sieben Keito ist erneut nach dem «bluesigen» Boogie-Muster gestrickt. Dieser Titel verlässt aber zusehends die strenge Vorgabe des Riffs, für ein ungeübtes Ort kommen karibische Klänge hinzu.

Der achte Titel Banga bietet einen komplexen und faszinierenden Rhythmus und betont damit – erneut zur Begleitung eines Streichinstruments – die Perkussion. Dies ist ein Titel, indem man den Blues heraushört, obwohl es nichts Blues-artiges hat. Vielleicht vergleichbar dem Eindruck, als Deutschsprechender jemanden holländisch reden zu hören: man kennt es eigentlich und versteht es doch nicht. Ai Du ist dann wieder Delta pur, auch vom Schlagzeug her, aber das afrikanische Intro ist berückend. Mit 7:10 ist auch dies ein sehr ausgiebiger Titel. Der letzte Titel Diaraby ist so etwas wie ein Slow Blues in der eigentümlichen Art, wie diese beiden Musiker sich bei diesen Aufnahmen fanden, ein sehr zärtlicher Titel, vielschichtig, genau Ry Cooders Ding, denn mitunter klingt etwas von seiner Filmmusik zu Paris, Texas an. Ein toller luftiger Abschluss einer schönen Session.

Insgesamt ist dies eine CD, die sehr bluesige Nummern und scheinbar traditionelle malinesische Musik zusammenbringt. Und sie tut dies in faszinierender Weise und für Blues-Fans auf äusserst ansprechende Art und Weise.

Hier noch der Link zu einem Interview mir Ry Cooder über dieses Album.
 
Ali Farka Toure & Ry Cooder Talking Timbuktu (1994)
    1 Bonde                5:28
    2 Soukora             6:05
    3 Gomni                7:00
    4 Sega                  3:10
    5 Amandrai           9:22
    6 Lasidan              6:06
    7 Keito                  5:42
    8 Banga                2:32
    9 Ai Du                  7:09
    10 Diaraby            7:25
 

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