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Richard Koechli: Dem Blues auf der Spur
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 Retro im besten Sinn des Wortes

Die British Invasion der 1960er Jahre hat die alten Songs des Countryblues-Repertoire genommen und sie mit elektrischen Instrumenten gespielt, wodurch sie die Titel modernisierten. Das Darmstädter Trio Papa Legba’s Blues Lounge hat eine entgegengesetzte Bestimmung: Sie führen Titel zurück auf ihre jeweiligen Country-Blues-Wurzeln. Und das tun sie selbst mit solchen Titeln äusserst stimmig, die stets nur akustisch gespielt wurden. Das Retro-Feeling ist stets greifbar, und so machen die drei Hessen Wohlfühl-Blues im besten Sinn. Es ist die Art von Bluesmusik, die leider an modernen Bluesfestivals auf Brunches abonniert ist und die zu oft als Sideshow unzureichend Würdigung erfährt. Hier wird Blues in Vollendung gespielt, von Musikern, die in diesen Traditionen gereift und erfahren sind, auch wenn sie niemals etwas zur Baumwolle beigetragen haben. Sparsame Instrumentierung, Kontrabass und tolle Gesangsstimmen, das sind die Ingredienzien für den Country-Blues von Papa Legba’s Blues Lounge. Für Liebhaber des Country-Blues à la Marco Marchi & The Mojo Workers oder Country Blues Project ist dies eine weitere Formation, die im Bereich Roots-Blues tolle Musik macht. An Papa Legba’s Blues Lounge fasziniert dabei die vielseitige und ausgewogene Instrumentierung.

 

Die drei Herren, die sich zu Papa Legba’s Blues Lounge zusammengeschlossen haben, machen seit Jahren erfolgreich Musik, und mit Run Around legen sie nun ihre dritte CD vor, eine Sammlung von 17 Titeln, im Studio eingespielt, und eine ausgewogene Mischung von Covers und Eigenkompositionen. Nach Vorstellung der Band auf diesen Seiten ist es nun höchste Zeit, ihre Musik zu würdigen. Die drei Herren aus Hessen, allesamt ihrerseits Papas, haben ihren Bandnamen von der Westindischen Voodoo-Gottheit Papa Legba. Das Trio verteilt Gesangsarbeit gleichermassen auf alle drei Mitwirkenden, die musikalischen Aufgaben sind klassisch getrennt in Gitarre, Schlagzeug und Bass, wobei Jürgen Queissner die Gitarren und den Solo-Gesang abdeckt, Reiner Lenz neben den Schlaginstrumenten (Trommel, Schellenring) auch die Instrumente bedient, die man mit dem Mund spielt, also Kazoo, Maultrommel und die Bluesharp. Lenz‘ Harmonikaspiel geht über die übliche Bluesharp hinaus, wie auf When Shadows Fall eindrücklich zu hören ist, wo stärker Lagerfeuer-Romantik vor dem geistigen Auge evoziert wird als Deltablues. Mann für die tiefen Töne ist Thomas Heldmann, der neben Kontrabass und Bassgitarre auch das zur Bassbegleitung taugende indische Kalimba spielt. Der Gesang der Band ist hervorragend, eine echte Stärke des Trios.

Auf diesem Album zeigen die drei eine eindrückliche musikalische Bandbreite im Roots-Bereich. Das Zentrum ihrer Musik bleibt der Blues, aber in der Lounge wird gespielt, was gerade Laune macht, dabei ist es stets Musik, die enorme Spielfreude ausdrückt. Hier ist Musik zu hören, die Luft und Raum lässt, die sich ausbreitet und eine Stimmung kreiert, bei der das Publikum eher mitschnippt als mit den Füssen trampelt. So schön kann Retro-Blues sein.

Die ansehnlichen siebzehn Titel erstrecken sich über eine Stunde, und dabei sind bekannte Titel zu hören wie Muddy Waters‘ Got My Mojo Working oder Leadbellys Good Night Irene, beide ausgesprochen fetzig und mit einer eigenen Stimme gespielt, grossartig. Good Night Irene brauchte — wenn man ehrlich ist — eigentlich immer schon eine Maultrommel! Andere Titel sind weniger bekannte Covers aus einer bemerkenswerten Vielfalt von Originalfassungen, so gibt es den viel zu selten gespielten San Francisco Bay Blues von Jesse Fuller, Don’t Give Me The Runaround von T-Bone Walker, The Hucklebuck – ein Titel, den auch James Cotton und Pinetop Perkins im Repertoire haben, End Of The Line von J.J.Cale, Ain’t Got No Home von The Band oder Taj Mahals Cakewalk Into Town. Überraschend und daher umso fesselnder der Titel Gallows Pole, der primär aus Led Zeppelins Album III bekannt ist. Eine Originalfassung liess sich zwar nicht finden, doch ist der Titel klar ein alter Blues aus dem späten 19. Oder frühen 20. Jahrhundert. Die Spieler aus der Blues Louge präsentieren eine herausragende eigene Fassung. Und führen so den Bluesrock-Titel zurück auf seine Wurzeln – Rootsmusik eben. Hinter dem Song I Feel So Good verbirgt sich nicht ein Cover von Muddy Waters Titel, sondern vom gleichnamigen J.B. Lenoirs. Die Band spielt alle Songs autoritativ, der Groove stimmt weitgehend und die Transparenz der Aufnahme ist eine Freude, bei der alle Instrumente stets klar auszumachen sind.

Eigenkompositionen wie Try Cooler oder 05:30 PM unterscheiden sich stilistisch von den gecoverten Fremdtiteln, indem sie das stilistische Spektrum erweitern. 05:30 PM ist zwar ein weiterer Country-Blues-Songs, doch dieser passt ausgezeichnet auf eine Mississippi Backporch, man sitzt auf der Veranda und spielt die gute alte Musik. Cement Mixer ist ein Blues, der als eine Art Dixie anfängt mit perfektem Barber-Shop-Gesang und Kazoo-Instrumentalpart, ehe er dann beim Harpsolo zum Jazzblues avanciert, um die ursprüngliche Stimmung gegen Schluss wieder zu finden. Ein Titel, der an eine US-Radio-Show der zwanziger Jahre erinnert. Grosses Kino. Jungle Lullaby klingt nach King Louis im Dschungelbuch und es ist ein Showcase für Thomas Heldmann und seinen Bass.

Dies ist ein faszinierendes und vielseitiges Album, das in guter Tradition der Band steht. Für Freunde des Country Blues, des akustischen Blues, des Roots-Blues oder wie immer man es nennen mag, ist dieses Album eine ungetrübte und anhaltende Freude.

 
Papa Legba’s Blues Lounge Run Around (2012)
1. Getting All Wet
2. San Francisco Bay Blues
3. When Shadows Fall
4. Don’t Give Me The Runaround
5. Gallows Pole
6. Try Cooler
7. Robin’s Nest
8. The Hucklebuck
9. End Of The Line
10. Ain’t Got No Home
11. Cakewalk Into Town
12. Jungle Lullaby
13. I Feel So Good
14. 05:30 PM
15. Got My Mojo Working
16. Cement Mixer
17. Good Night Irene

 

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