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Dixieland und Dixie-Klo

Blues und Comedy? Das ist die CD A Story of Blues oder Rapunzel Jones und die Suche nach der Heiligen Blue Note von Jochen Malmsheimer, Heinz-Peter Lengkeit und der Groove & Snoop Bluesband. Klingt nach einem interessanten Format. Der Deutsche Kabarettist und frühere Bluessänger Jochen Malmsheimer hat sich gemeinsam mit Heinz-Peter Lengkeit hingesetzt und die beiden haben die Geschichte des Blues humoristisch aufgearbeitet und gemeinsam mit der ausgezeichneten Snoop & GrooveBlues Band ein Hörbuch aufgenommen, das in lustiger und unterhaltsamer Art und Weise die Geschichte des Blues erzählen will. Das Ergebnis liegt nun in Form einer knapp 50-minütigen CD vor. Der Erfolg sei dem Unternehmen gegönnt, aber mich hat die Aufnahme in keiner Weise überzeugt oder gar begeistert. Die CD ist weder sonderlich lustig – was ja sowieso Ansichtssache ist – noch ist sie informativ. Denn im Versuch, witzig zu sein, wurde das Skript mit einer Grundhaltung geschrieben, die sich als «ist doch egal» charakterisieren lässt. Die Darstellung des Blues missbraucht das Format einer scheinbar informativen Sendung für aus der Luft gegriffene Pseudo-Fakten. Dabei wird historische Information ersetzt durch ein humoristisches Narrativ, das leider auf eine überaus stereotype Darstellung des Blues zurückgreift. Somit stellen sich nach Anhören der CD zwei Fragen, nämlich «Für wen ist das eigentlich gedacht» und vor allem «Was soll das eigentlich?».

Die CD mit dem schon spassig anmutenden Titel A Story Of Blues oder Rapunzel Jones und die Suche nach der Heiligen Blue Note ist einfach aufgebaut: 14 Stücke, und die Sprecher Jochen Malmsheimer und Heinz-Peter Lengkeit lesen in rasanter Geschwindigkeit den Text vor, dazwischen gibt es musikalische Hörproben, gespielt von der Bochumer Studentenband Groove & Snoop Blues Band. Malmsheimer liest den Haupttext. Er war einst Sänger einer Bluesband namens Vatermörder und hat seithereine erfolgreiche Laufbahn als Kabarettist eingeschlagen. Verschiedene Preise, regelmässige Fernsehauftritte, der Mann kann was und auch die Umsetzung des Textes im Vortrag ist sehr vergnüglich. Der Text wird meisterlich vorgelesen. Lengkeit spielt den Part des «Funny Man» gegenüber Malmsheimers «Straight Man» und er liest mit einer «lustigen» Stimme den kleineren Teil des Textes so streut er Einwürfe zwischen die Sätze oder scheinbare Nachfragen, Audio-Effekte vervollständigen den Erzählteil. Das Rezept «Straight Man» und «Funny Man» ist so alt wie das Radio, konzeptuell also nichts Aufregendes.

Zwischen den gesprochenen Texten folgen zur Verdeutlichung der Aussagen Hörbeispiele, die gespielt werden durch die Bochumer Formation Groove & Snoop Blues Band. Die 14 Titel geben vor, die Genres systematisch durchzugehen. Die Autoren verfolgten damit den Hörbuch-Ansatz, wie Dieter Schwanitz in seiner Geschichte der Musik. Sofort wird aber klar: Dies ist KEINE Schulfunksendung, sondern der Versuch, auf ansprechend lustige Weise die Geschichte des Blues zu schildern.

Hier wird richtig deftig mit Stereotypen gearbeitet. Das geht dann ungefähr so: Blues ist für jene, die den Jazz nicht kapieren, und wer nicht schwarz und blind ist, kann keinen Blues spielen. Der Blues ist so alt wie Mann und Frau, vor allem wenn kein Bier im Kühlschrank steht. Der Witz ist meiner Meinung nach durchgehend grob und plump, eine Stammtisch-würdige Abhandlung des Themas, bei dem es sowieso egal ist, was man sagt, wir wissen ja eh was Sache ist. Dabei geht es mir wirklich nicht drum, dass jemand etwas durch den Kakao zieht, das mir viel bedeutet. Es geht darum, wie es da durch gezogen wird. Die Dialoge sind zwar rasant gehalten und auch ein gelegentliches Schmunzeln stellt sich durchaus ein. Aber insgesamt bin ich alles andere als begeistert von dieser Aufnahme.

Und der Grund ist, dass mir die Häufung der Stereotype den Spass verdirbt, der Bezug zur Realität ist zu klein. Es gibt auch Engländer, die sich an der nicht enden wollenden Darstellung der Deutschen in ihren Zeitungen ergötzen, die Reduktion auf Drittes Reich und Pickelhaube ist anderen zu flach. So wird es auch mit A Story Of Blues oder Rapunzel Jones und die Suche nach der Heiligen Blue Note sein. Als Beispiel habe ich einen Textteil aus dem Kapitel Medley aufgeschrieben. In der scheinbaren Schilderung des Blues wird in den 1920er Jahren eine grosse Umwälzung angekündigt:

«Die Geschichte des Blues musste nur knapp drei Wochen komplett umgeschrieben werden. Der Taubstumme Blind Deaf Mute genannt Screaming Jay Howl tat etwas bis dahin Undenkbares. Er transponierte ein gängiges Bluesstück in das bis dahin nicht für möglich gehaltene G. Durch den unerwartet grossartigen internationalen Erfolg dieser Tonart beflügelt liess sich Howl zur Erfindung völlig unbekannter Tonarten hinreissen: D, F und Moll seien hier nur als seine genialsten Schachzüge zu nennen. Was Blind auch anfasste, es wurde leider zu Blues, wovon grade seine Frau ein Lied singen konnte. Der damit zwingend einhergehende finanzielle Erfolg ermöglichte es Blind Deaf Mute, sich in Yussuf Islam umzubenennen, seinen Cat durch einen Stevens zu ersetzen und in den Folgejahren zur Erforschung des Propunktes – das ist der Kontrapunkt des Kontrapunktes – auch nicht das Geringste beizutragen. Er starb, zuletzt selbst in seiner Familie vollkommen unbekannt, als Notenwart der Rolling Stones auf seinem Abwesen in Südfrankreich».
 
Soweit das Zitat. Das kann man natürlich lustig finden oder nicht. Ich störe mich auch nicht an den Scherzen über Taubblinde, Geschmacklosigkeit ist sehr unterhaltsam. Was mich stört, ist die naive Unbedarftheit und die fehlende Sorgfalt des Skriptes. So mag man das als politisch korrekte Überempfindlichkeit abtun, aber was mich an diesem wirklich willkürlich ausgewählten Beispiel als erstes stört ist, dass der «zwingend einhergehende finanzielle Erfolg» einen bitteren Nachgeschmack hinterlässt angesichts der tatsächlichen allzu oft tragischen Schicksale der Bluessänger der frühen Jahre. Die fast schon systematische Übervorteilung der Schwarzen Blueskünstler durch die Produktionsfirmen ist deshalb nur bedingt geeignet für einen kleinen Lacher.

Das zweite Problem in diesem Abschnitt ist, dass man nicht nur nichts erfährt, sondern der Text Teile enthält, die bewusste Desinformationen sind (Moll ist keine Tonart) oder die auch den billigsten Lacher noch mitnehmen. Der Rückgriff auf Yusuf Islam alias Cat Stevens ist so alt, dass man sich wundern kann, dass er es in die Endfassung geschafft hat. An anderer Stelle wird Anneliese Rothenberger – die Älteren mögen sich erinnern – für einen flachen Witz aus der Rumpelkammer geholt. Das war einst lustig, als man Musik auf Tonbandkassetten veröffentlicht hat. Auch vor Kalauern der Sorte «…Und dann kam Elvis, weil’s elf is» sind die Autoren nicht zurückgeschreckt.

Auf der Homepage der CD beim Verlag heisst es «Die Musiker nahmen die Beiträge an einem Tag live im Studio in Leverkusen auf, die Herren Texter tummelten sich an einem weiteren Tag im Studio in Bochum.» Vielleicht hört man das zu deutlich, alles ist mit der heissen Nadel gestrickt.

Selbstredend ist auch die Darstellung des Blues selbst lieblos und völlig antiquiert. Grösstenteils ist sie auch von den musikalischen Beispielen her ohne wahrheitsgemässen Bezug zum Text. Das endlose Gitarrensolo der Britischen Blueser wird als Charakteristikum des Chicago Blues dargestellt. Als Beispiel für «Texas Blues» spielt die Band La Grange, lediglich insofern ein Texas Blues als die Band ZZ Top bekanntlich den Lone State ihre Heimat nennt, aber musikalisch gesprochen ist La Grange in der Tradition John Lee Hookers, und nicht der nicht von Texas. Die herausragende musikalische Eigenschaft des Dixieland ist das Mundharmonika-Solo. etc. etc.

Die Beziehung zwischen Blues und Jazz wird schnodderig als eine zwischen Gefühl und Intellekt dargestellt, und da sowieso niemand versteht, was Jazz eigentlich soll, spielt (hier impliziert: und hört) man fürs Gefühl eben Blues. Kein Wort von den Minstrel Shows, der Gospel-Tradition etc. Und ganz zum Schluss folgt als Beispiel für Country Blues John Denvers Take Me Home Country Road.

Die Musik ist dabei toll gespielt, da gibt s nichts zu deuteln, die Band bemüht sich um und erreicht eine stilistische Vielseitigkeit. Dann wird wie angedeutet der Text mit der Musik zusammen gebracht und irgendwie klemmt es eben. Nach einem Chicago-Blues mit deutlich hörbarem Klavierpart folgt die Bemerkung: «Das war jetzt Boogie-Woogie, auch bekannt als Wampy-Wampy. Wer die Begriffe Swamp oder Cajun vergessen hat oder besser, nie kannte, kann zu dieser Musik auch Ölle-Bölle sagen.» Auf diese Weise blödeln sich Malmsheimer und Lengkeit durchs 50 Minuten dauernde Programm.

Wie gesagt, dem einen gefällt’s dem anderen nicht. Trotzdem drängt sich die Frage nach dem Zielpublikum auf. Macht man eine CD mit Texten und dem Titel A Story of Blues für die, welche die im weitesten Sinn akademische Beschäftigung mit dem Blues für langweilig halten? Zum Schluss bleibt bei mir etwas Ratlosigkeit, aber dem Projekt ist Erfolg zu wünschen und ich kann mir vorstellen, dass das Programm auf der Bühne noch fetziger wirkt mit seinen schnellen Sprecherwechsel und Live-Musik.

Jochen Malmsheimer, Heinz-Peter Lengkeit, Groove & Snoop Bluesband A Story Of Blues oder Rapunzel Jones und die Suche nach der Heiligen Blue Note
Jochen Malmsheimer – Texte, Gesang
Heinz-Peter Lengkeit – Texte, Gitarre, Gartenschlauch
Ralf «Groove» Weber – Gesang, Keyboards, Mus. Leitung
Werner «Snoop» Volkner –Mundharmonika, Gesang
Bernd Oppel – Schlagzeug
Till Brandt – Bass, Gesang
Klaus Kahnert – Gitarren, Gesang
Erich Leininger – Saxophon
1. Dixieland 7:40
2. Medley 4:09
3. Potpourri 2:08
4. Working Song 1:10
5. New Orleans 6:32
6. Swamp 5:02
7. Boogie Woogie 1:40
8. Zydeco 2:13
9. Chicago Blues 6:53
10.Texas Blues 2:35
11.Funk 3:38
12.Soul 2:00
13.Rhythm and Blues 2:49
14.Country Blues 1:06
 

 

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