Richard Koechli: Dem Blues auf der Spur
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Die Geschichte des Blues – neu erzählt

«Kein Musikprofessor oder Historiker der Welt hätte es bisher geschafft, ihm abseits von Akkorden und Tonleitern das Wesen des Blues wirklich zu erklären.»

Blues heisst immer auch Geschichten erzählen und Bluesmusiker mussten das schon immer sehr gut können. Was entsteht, wenn einer sich plötzlich nicht mehr nur auf die paar Minuten seines Songs beschränkt, sondern eine lange Geschichte erzählt? Richard Koechli hat es sich zugetraut und den ersten Musikroman überhaupt geschrieben, bei dem es um nichts anderes geht, als um den Blues. Am 1. Dezember 2014 erscheint sein Debutroman «Dem Blues auf den Fersen». Wir haben ihn gelesen. Allerdings sind wir kein Literaturportal und bleiben gerne bei unseren Leisten, wagen aber trotzdem eine Rezension. Auf den Punkt gebracht: Für alte Bluesfreunde ein Genuss, für neue ein Muss!

Der Luzerner Gitarrist, Sänger und Komponist Richard Koechli macht keine halben Sachen. Wenn er sich mit etwas beschäftigt, dann geht es richtig in die Tiefe. Das zeigt sich in seinem Gitarrenspiel und in seinen Songtexten. Nicht umsonst hat er den Swiss Blues Award 2013 und den Schweizer Filmpreis 2014 erhalten. Es zeigt sich auch in seinen erfolgreichen Lehrbüchern «Best In The West», «Slide Guitar Styles» und dem mit dem Deutschen Musikeditionspreis 2011 ausgezeichneten «Masters Of The Blues Guitar». Sie sind mit grosser Sorgfalt geschrieben. Jedoch sind alle drei Fachbücher und erheben damit einen anderen Anspruch an die schriftstellerischen Fähigkeiten als ein Werk der Belletristik. Koechli genügt dem Anspruch, er hat eine spannende und zugleich informative Geschichte geschrieben. Worum geht es?

Wir alle kennen die Geschichten und Mythen rund um den Blues. Vieles ist Klischee, vieles liegt im Dunkeln, anderes ist unpräzise und manches ist schlicht und einfach erfunden. Kein Wunder, denn in jener Zeit hat sich niemand für die kulturellen Äusserungen der schwarzen Bevölkerung interessiert, wenn sie überhaupt als solche wahrgenommen wurden. Erst in den Dreissigerjahren des vergangenen Jahrhunderts gab es mit John und Alan Lomax ernsthafte Versuche, diese Musik zu erfassen und systematisch einzuordnen, dreissig Jahre nach W.C. Handys legendärer Begegnung in Tutwiler und bis heute wird der Blues von den etablierten Kulturbetrieben nicht ernsthaft als Teil der musikalischen Kultur anerkannt, obschon die zeitgenössische Musik weitgehend darauf aufbaut. Was ist es also wirklich, das den Blues ausmacht? Worin liegt die Magie dieser Musik?

Koechli nimmt sich der Geschichte und der Mythen des Blues an, hinterfragt sie, ordnet sie ein. Mancher Mythos wird entzaubert, ohne dass er banalisiert wird. Auch er kann nicht alle Fragen beantworten, aber es gelingt ihm, dem Leser eine neue Sicht der Dinge zu vermitteln. Meistens lässt er den Leser mit dem Gedanken zurück, dass es wahrscheinlich genauso gewesen sein muss, wie er es schildert. Er schlüpft dabei in die Rolle des Erzählers und begleitet seinen Helden Fred Loosli, auf der Suche nach den Geheimnissen des Blues. Es gelingt ihm nicht immer, die gebührende Distanz zu seinem Protagonisten zu halten und wirklich nur Chronist zu sein. Immer wieder verstrickt er sich in heftige Diskussionen mit seinem Helden. Dabei entpuppt er sich als profunder Kenner der amerikanischen Roots Musik und ihrer historischen Zusammenhänge. Die beiden finden auch oft Gelegenheit zu Gesprächen über Grundsätzliches. Über die Kunst des Improvisierens in der Musik zum Beispiel, über das merkwürdig gestörte Verhältnis zwischen Blues- und Jazzmusikern, ob der Blues gut ist oder böse. So entwickelt sich die Geschichte als verschachteltes Gebilde, als Puzzle, das sich immer mehr zu einem Gesamtbild formt. Das macht das Lesen interessant und bis zum Schluss spannend.

Es geht aber keineswegs nur um die Geschichte des Blues. Koechli gibt uns einen tiefen Einblick in die Seele der Musiker. Er lässt uns wissen, was sie antreibt, was sie suchen, welche Ängste und Zweifel sie erleben, aber auch welche Triumphe. Er schildert, wie grossartig es da oben auf der Bühne sein kann und wie einsam. Immer wieder plaudert er aus dem Nähkästchen, verrät kleine Geheimnisse, entblättert Illusionen, zum Beispiel über Sinn und Unsinn teuerster Ausrüstung oder die Bedeutung Keith Richards für den Blues. Fast nebenbei werden die Biographien einiger wichtiger Interpreten in knapper Form erzählt. Koechli schlüpft dazu quasi in die Stars hinein, deren Leben er schildert. Nebenbei streut er kleine Anekdoten ein. So hat das noch keiner beschrieben. Sie werden als Mensch greifbar und als Musiker verständlicher. Man wird die künftigen Konzerte mit anderen Augen sehen und mit anderen Ohren hören.

Dies ist die Geschichte in Kurzform: Loosli, weisser Gitarrist und Sänger aus dem Nordwesten der USA, beherrscht sein Handwerk. Er weiss Bescheid über die musikalischen Grundlagen, kennt die relevanten Songs und ihre Interpreten. Eigentlich müsste er sich auf den in einigen Wochen anstehenden Gig freuen, immerhin am Festival in Yakima, einem renommierten Anlass. Es würde seiner Karriere förderlich sein. Doch leider hat ihn der Mut verlassen und Inspiration verspürt er auch nicht mehr. Er hat Angst davor. Er möchte ihn erst finden, den wahren Kern, den Code, das Geheimnis aller grossen Bluesmusiker.

So macht er sich auf, den Dingen auf den Grund zu gehen. Er unternimmt einen Waldspaziergang, dabei gelingt es ihm immer am besten seinen Gedanken nachzuhängen, sie zu ordnen. Zudem hofft er, dabei ein Zeichen zu entdecken, DAS Zeichen das er herbei sehnt. Wir nehmen Teil an seiner Gedankenreise durch die Geschichte des Blues, von den Anfängen bis heute. Grossartig, wie Koechli hier mit historischer Genauigkeit die alten Klischees ausräumt und die Dinge zurecht rückt. Manches ist natürlich in keiner Weise belegt. Diese Wissenslücken ergänzt er glaubhaft und mit subtilem Einfühlungsvermögen.

Allerdings findet Loosli den Code noch nicht. Immerhin reicht es für eine wichtige Erkenntnis: YOUR DREAM IS THE ANSWER. Da steht auf einem Zettel, den er zufällig findet. Zufällig? Loosli glaubt nicht daran. Er fühlt sich gut, glaubt fest daran, das bevorstehende Konzert mit Bravour zu bestehen. Doch es kommt anders. Eine heimtückische Krankheit bricht aus und gefährdet den Auftritt. Vorher gibt es noch drei Gigs zu absolvieren und nur sein Pflichtbewusstsein lässt ihn trotz seiner miserablen Verfassung auftreten. Er schafft es kaum, den ersten Auftritt zu überstehen. Für den zweiten versteckt er sich hinter einer Sonnenbrille, die nicht nur seine roten Augen verdecken soll, und befürchtet den Abend nicht zu überstehen, aber es geschieht etwas Unerwartetes. Ihm gelingt ein Auftritt, der alle umhaut: seine Mitmusiker, das Publikum und nicht zuletzt ihn selbst. Das alles, ohne dass er genau weiss, was eigentlich geschehen ist. Es war, als hätte eine fremde Macht seine Hände geführt. War dies ein Werk des Teufels? Ist doch etwas dran am Crossroad Mythos? Zurück im Hotel fällt er in einen unruhigen Schlaf.

Nun strebt die Geschichte ihrem Höhepunkt entgegen. Nach einem fiebrigen Albtraum kann er endlich einschlafen. Da erscheint ihm Robert Johnson und erzählt ihm seine Geschichte. Tief taucht Koechli nun in die lückenhafte Biographie dieses Musikers ein und erzählt sie neu und anders. Und er erzählt sie glaubhaft, auch dort wo keine Fakten zu finden sind und Interpretation die einzige Möglichkeit bleibt. Johnson macht Loosli auch bekannt mit Ike Zimmermann. Endlich wird dieser so gut wie unbekannte Bluesman gewürdigt. Bei ihm und seiner Frau lebte Johnson über ein Jahr lang. Er war es, der Johnson all die Tricks beigebracht hatte, bevor dieser die Welt mit seinem «plötzlich» vorhandenen, überirdischen Spiel verblüffte. Er gesteht Loosli auch, dass vier seiner später in den Kanon des Blues aufgenommene Songs eigentlich aus Zimmermanns Feder stammen: «Walking Blues», «Ramblin‘ on my Mind», «Dust my Broom» sowie «Come on in my Kitchen».

Zimmermann ist aber mehr als ein Gitarrenlehrer, er ist es auch, der Johnson beibringt, dass es im Blues mehr braucht als virtuoses Spiel, damit diese Magie entsteht, die wir alle kennen, die wir bei jedem Konzertbesuch erhoffen und die letzten Endes das Wesen des Blues ausmacht. Sie macht den Unterschied, ob die Leute nur beeindruckt sind, oder berührt. Den Schlüssel zu diesem Zauber muss jeder selbst finden. Ein Mittler, eine mystische Kraft kann dabei helfen. Wen man als seinen Mittler aussucht, ist jedem selbst überlassen. In der Voodoo Religion ist Papa Legba so ein Mittler, ein Loa, der auch «Schwarzer Mann» oder «Teufel» genannt wird. Er ist aber kein Teufel. Er ist unter anderem der Hüter der Kreuzungen, einem Symbol für Entscheidungen, welchen Weg man gehen will. Koechli gelingt es, den geheimnisvollen Zauber zu erhalten, der sich um die plötzlich erworbenen Fähigkeiten des Robert Johnson rankt, auch ohne Teufelspakt.

Dem Blues auf den Fersen ist Roman, Sachbuch, historische Abhandlung, philosophischer Essay und mythische Geschichte in einem. Koechlis sorgfältiger Umgang mit den Tatsachen und seine subtilen Eigeninterpretationen der fehlenden Fakten sind grossartig. Sein ausschweifender Erzählstil ist amüsant und wird nie langweilig. Müsste ich ein Buch empfehlen, in dem die Geschichte des Blues konzentriert erzählt wird, es wäre dieses.

Das Buch erscheint offiziell am 1. Dezember 2014. Am 28. Januar 2014 gibt es eine Vernissage in der Buchhandlung Bider & Tanner. Zudem gibt es eine Sonderaktion: Die Aufzeichnung eines Richard Koechli Konzerts im «Hall Blues Club» bei St. Etienne. Es wird im Frühjahr 2015 veröffentlicht und jeder Buchbesitzer kann es sich gratis herunterladen. Die Aktion gilt bis zum 31. Januar 2015.

Im Anhang des Buches finden sich alle Links als QR Codes. Koechli hat die Inhalte dieser Links auf seiner Website gespeichert und aktualisiert sie dort. Auf diese Weise ist sichergestellt, dass auch nach längerer Zeit die Links noch funktionieren.

Website Richard Koechli

Zum Buch gibt es auch diesen Trailer:


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