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Rednecks und Rockmusik

Der 1960 geborene Journalist Mark Kemp hat einen langen Weg hinter sich: Geboren und aufgewachsen im Südstaaten-Gliedstaat North Carolina wurde er später Musikkritiker beim New Yorker Magazin Rolling Stone. Daneben arbeitete er auch für MTV und die Schwesterstation VH1. Inzwischen lebt er mit seiner Ehefrau an der Westküste der USA und schreibt von San Francisco aus für das Magazin Acoustic Guitar. Von 2000 bis 2004 schrieb Kempdas Buch Dixie Lullaby : A story of music, race, and new beginnings in a new South. In diesem Buch verarbeitet er seine musikalische Sozialisation und damit auch gleich die Bewusstwerdung einer Generation von Südstaatenamerikanern, die nach den Rassenunruhen und nach der Ermordung von Dr. Martin Luther King Jr. versuchen mussten, einen Platz in der Welt zu finden. Dazu mussten sie sowohl den Hippie-Blues von Duane Allman wie auch die reaktionären Tiraden von Lynrd Skynrd-Frontmann Ronnie van Zandt einordnen. Das Buch ist die Musikgeschichte eines sehr spezifischen Zeitraums: Aufwachsen in den 1970er und 1980er Jahren in den Südstaaten: Irgendwo zwischen Sweet Home Alabama und Sweet Dreams.

Die Redaktion von Bluesnews.ch wurde aufmerksam auf Mark Kemp durch dessen wohl überlegte und wohl formulierte Einschätzungen der Allman Brothers Band in der Video-Dokumentation Songs of the South. Da seine Beurteilung der Person und Bedeutung Duane Allmans wie der Band dort viel mehr sind als nur persönliche Einschätzung, bot es sich an, eine von ihm verfasste Monographie zu lesen. Und in der Tat ist das Buch Dixie Lullaby (also «Südstaaten-Schlaflied») ein ausgezeichnet geschriebenes Buch und eine Mischung aus persönlicher Autobiographie, Musikgeschichte und Sozialgeschichte und das macht dieses Buch zu einer berührenden und intimen Lektüre.
 
Kemp bewegt sich in diesem Buch primär chronologisch durch die Jahrzehnte und er erzählt die Geschichte der Rockmusik wie auch jene seiner eigenen Person und seines Umfelds. Das Buch ist in drei Abschnitte unterteilt: Mourning in America, 1968–1973, Pride in the Name of Anger, 1974–1981 und Reconstruction of the fables, 1982–1992. Und entsprechend bespricht er darin die Entwicklung der Rockmusik, die in diesen drei Jahrzehnten in den Südstaaten gespielt wurde, und die in Ermangelung eines besseren Namensschildes als «Southern Rock» bezeichnet wird.
 
Die Musikgeschichte des Südens zu schreiben, war dringend nötig, denn die Südstaaten der Vereinigten Staaten standen noch zu Beginn der 1960er Jahre in einem ganz anderen Licht da. Nachdem sich im Sezessionskrieg zwischen 1861 und 1865 die Staaten des Konföderation von der USA loslösen wollten, um ihr auf Sklaverei basierendes System aufrecht erhalten zu können, erschufen sie mit dem Mythos der Südstaaten auch gleich Parallelmythen. Hierzu zählte, dass der Süden eigentlich den Krieg hätte gewinnen müssen, weil sie die weitaus heldenhafteren und tapfereren Soldaten hatten oder auch die Illusion, die Schwarzen Amerikaner, die Sklaven und ihre Nachfahren, liebten es im Süden zu leben. Die Distanz zu den als «Yankees» bezeichneten Nordstaatlern wurde sogar noch grösser, denn der Norden galt als kalt, rational, englisch und protestantisch (der stärker von Schotten und Deutschen besiedelte Süden war und ist von Baptisten geprägt).
 
Nachdem der Krieg endgültig verloren war und die Armee Generals William Tecumseh Shermans eine Schneise der Verwüstung quer durch den Südosten der USA geschlagen hatte, in deren Entstehung Atlanta niederbrannte (im Film Vom Winde verweht hat man dafür die alten Kulissen von King Kong in Flammen aufgehen lassen) und die Eisenbahnschienen demontiert und als Reparation in den Norden abtransportiert worden waren folgte die Zeit der «Reconstruction», in der die Südstaaten vor allem ihre Wunden leckten und sich einredeten, dass sie um ein Haar den Krieg gewonnen hätten. In dieser reaktionären, vom Rassismus und religiösem Fanatismus durchtränkten Phase verharrten die Menschen südlich der Mason-Dixon-Linie (daher der Namen «Dixie») bis in die 1960er Jahre, als erneut per Durchsetzung aus dem Norden den Schwarzen die Bürgerrechte zugesprochen wurde und das menschenverachtende System, das unter der Bezeichnung «Jim Crow» bekannt wurde, abgewrackt wurde.
 
Nachdem 1968 dann Friedensnobelpreisträger Martin Luther King in Memphis von einem Weissen Rassisten erschossen wurden war, verwandelte sich der Süden in Teilen. Manche Menschen wollten nicht mehr die Hillbillys und Hicks sein, als die der Süden stereotyp wahrgenommen wurde. Die im Süden entstehenden Band waren entscheidend für diese Bewusstwerdung, und deshalb beginnt das Buch mit Dr. John, Duane Allman, Jimmie Johnson, The Hour Glass, Phil Walden und Gregg Allman. Diese Phase war geprägt vom Geist der Gegenkultur der 60er Jahre, Hippies, Drogen und lange Harre und Duane Allman war der musikalische Held dieser Zeit, in der in Muscle Shoals das Studio der «Capricorn Records» in Betrieb war und Otis Redding, Wilson Pickett, Aretha Franklin und andere Schwarze Musiker für Aufnahmen in den Süden reisten. Der Höhepunkt und die Integrationsfiguren für Kemp und seine Jugendfreunde waren die Allman Brothers Band, und entsprechend endet diese Phase auch mit dem Tod von Duane und der Aussage Gregg Allmans vor Gericht, in der dieser seinen Drogendealer ans Messer liefert – eine Ungeheuerlichkeit im Geist der Zeit.
 
Die zweite Phase sind dann die Redneck-Rocker um Lynrd Skynrd und ihren Frontmann Ronnie van Zandt. Aber auch Charlie Daniels und andere erzürnte und erboste Rockmusiker kommen hier zur Sprache, und hier geht es um ein selbstbewusstes neues Aufstehen für den Süden und seine Werte, und dies beinhaltet die ambivalenten Botschaften Ronnie van Zandts, eines kleinen Mannes, der als Sänger und Songschreiber von Lynrd Skynrd nicht nur mit Free Bird die ultimative Hymne des Southern Rock schrieb, sondern mit Sweet Home Alabama auch noch den ultimativen «Fuck You»-Song des Südens. Seine Ambivalenz zeigt Kemp anhand von Saturday Night Special auf, einem Song, in der sich van Zandt kritisch zur Schusswaffen-Diskussion äusserte, der aber kein Problem damit hatte, selbst stets eine Waffe bereit zu haben.
 
Der Dritte Teil des Buches kreist dann um R.E.M. und dessen Frontmann Michael Stipe, aber auch Jason and the Scorchers, Gov't Mule undSteve Earle. Und deren Bedeutung für den nun stärker intellektuell werdenden Süden werden werden reflektiert. Insbesondere im Abschnitt um Gov’t Mule und dessen Frontmann Warren Haynes wird es interessant, denn hier schliesst sich der Kreis zu den Allman Brothers wieder.
 
Was dieses Buch Mark Kemps so speziell macht ist, dass er nach einem eher neutralen Narrativ seine höchst persönliche Sicht schildert (hier auch in einem Interview) und aus der Perspektive des jugendlichen Musikfans die Bedeutung der Rockbands einordnet. Kemp kommt immer wieder darauf zurück, was Bands oder einzelne Songs für ihn und seine Altersgenossen bedeutete, was der Süden bedeutete und wie durch die Musik die Vision eines nicht rassistischen und nicht reaktionären Südens denkbar wurde. Durch seine Betonung der Gesellschaft und der Jugendlichen wird dies nicht nur eine Musikgeschichte, es wird eine persönliche Geschichte, und die ist spannend zu lesen.
 
Eine grossartige Sache bei diesem Buch ist die Erwähnung von Bands, die man ausserhalb Dixies nicht so kennt: Night Tripper oder die Screamin' Cheetah Wheelies sind wohl nur Insidertipps auf dieser Seite des Atlantiks. Ein anderer Pluspunkt ist, dass Bands, die nicht primär als Southern Rock Band wahrgenommen werden wie ZZ Top oder Dr. John hier in ein Entstehungsumfeld eingebettet werden, wonach deren musikalische Ansprüche als eine logische kulturelle Entwicklung erklärt wird.
 
Das Buch wurde verfasst in einer Zeit, als mit Bill Clinton ein Südstaatler an der Macht war, bzw. als mit George W. Bush ein weiterer Südstaatler diesem ins Weisse Haus folgte. In den 10 Jahren seit Fertigstellung des Buches tauchte der Süden anscheinend wieder in dunklere Zeiten ab, in der religiöse Fanatiker, Rednecks und die Waffenlobby NRA das Bild prägen. Durch Mark Kemps Buch wird aber deutlich, dass die Südstaatler nicht alles ewiggestrige Rebellen sind, sondern dass sich hier eine eigene und spezifische Lokalkultur entwickelt hat, die ein Gegengewicht zu medienmächtigen Ostküste und zum Glamour-Stardom des Westküste darstellt.

 
 
 
 
 

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